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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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pflichtſchuldigen Briefe an die Familie verbummelt hatte,(vielleicht war auch einer verloren gegangen) in der Gartenlaube ſeiner Wohnung fröhlich ſorglos ſitzen ſah, rief ich ihm mit bewegter Stimme nur die paar Worte zu:Hannes! das war ſein verketzernder ſtudentiſcher Rufnameda bring' ich Dir Deine Alte. Sie will Dir einmal das Gewehr viſitiren. Ein Schrei, ich vergeſſe ihn niemals und Mutter und Sohn lagen ſich in den Armen. Ich ſchritt mit befeuchteten Augen leiſe davon. Aehnlicher Scenen habe ich bald darauf noch mehrere erlebt. Wie viele Väter oder Mütter gingen damals auf die Suche nach ihren ver⸗ ſchollenen Jungen, aber auch wie wenige waren ſo glücklich, wie damals Frau Böhm! Die meiſten Nichtaufſindbaren ſaßen in den Raſtatter Caſematten und gar Manche waren auch, ſo zu ſagen, anonym, d. h. ohne daß ihre Identität amtlich ermittelt werden konnte, in den verſchiednen Gefechten durch preußiſche Kugeln ge⸗ fallen. Das war mitunter ein herzzerreißender Jammer, wenn wir die Eltern, ob auch in ſchonendſter Weiſe, von dem Schick⸗ ſale ihrer Söhne, unſrer ehemaligen Kameraden, unterrichten mußten. Iſt der Krieg ſchon ſchrecklich, ſo iſt doch der Bürgerkrieg, wie hier, das Schrecklichſte.

Anfang September 1849 fuhr ich über Baſel nach Straß⸗ burg zurück, um mich unter meinen dortigen Genoſſen vor dem Eintritt in das heimathliche Gefängniß noch etwas zu erholen. Ueber meine weiteren Erlebniſſe gebe ich folgende Stellen aus einem von Frankfurt a. M. vom 22. October 1849 datirten Briefe an meine Schweſtern.

In Straßburg, wo ich mich in meinem alten Logis, rue des

alayeurs, einkneipte und von der Familie Schützenberger, ſowie allen früheren dortigen Bekannten ſehr herzlich begrüßt wurde, bin ich noch etwa 4 Wochen lang mit Doll, Buchhändler C. Leske aus Darmſtadt und mehreren andern, ſchon vor mir aus der Schweiz herübergekommenen flüchtigen Freunden herumgebummelt. Ich würde früher ſchon von dort abgegangen ſein, wenn ich nicht ge⸗ hört hätte, daß die von mir beabſichtigte Paſſage durch die Rhein⸗ pfalz und an Mannheim vorüber nach Mainz einer beſonders ſtrengen polizeilichen Controle unterworfen ſei, und daraufhin zu⸗ vor zu meiner Sicherung Schritte thun zu müſſen glaubte, um mir irgend einen ausreichenden Paß zu verſchaffen, was mir erſt nach langen Bemühungen, und auch da nicht ganz glücklich, ge⸗ lungen iſt. So begann ich denn endlich am vorigen Dienſtag in Geſellſchaft eines Freiſchärler⸗Kameraden, der zudem als früherer preußiſcher Militär noch riskirter war, als ich, ſoviel ich mich jetzt noch erinnern kann, hieß er Becker und war aus der Rhein⸗ provinz unter ziemlichem Herzklopfen meine allerdings ſehr ge⸗