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lebniſſen lieber eine Zeitlang Gefängniß— das iſt, wie ein miß⸗ liebiger deutſcher Schriftſteller einſt geſagt hat,„wenigſtens eine Heimath, wenn auch mit eiſernen Stangen.“ Das Exil jedoch muß unbedingt auf die Dauer ſelbſt den beſten Charak⸗ ter mehr oder minder demoraliſiren oder doch unſäglich verbittern und peſſimiſtiſch einſeitig machen. Hat es ja auch den armen C. Ohly, ein ſo ſchönes Talent und deßhalb ſogar ſ. Zt. Liebling des alten Literatur⸗Barons Cotta, zuletzt geiſtig zerrüttet! Mich ſelbſt hätte unter gleichen Verhältniſſen vor gleichem Schickſale nur die even⸗ tuell beſchloſſene Auswanderung nach Nordamerika mit der zwin⸗ genden Nankee⸗Moral:„Friß, Vogel, oder ſtirb!“ retten können. Einer ſ. Zt. für ein Darmſtädter Blatt beſtimmten nekro⸗ logiſchen Scizze über meinen kürzlich in Offenbach verſtorbenen Univerſitätsfreund und badiſchen Mitfreiſchärler Theodor Böhm entnehme ich zum Schluſſe noch folgende, zur Zeit meiner Flücht⸗ lingſchaft in Zürich ſpielende höchſt charakteriſtiſche Scene.
„Th. Böhm wohnte in meiner Nähe in der Vorſtadt Ries⸗ bach. Eines ſchönen Vormittags, nachdem ich den Abend zuvor gründlichſt mit ihm gekneipt hatte, ging ich in die Stadt, um da⸗ ſelbſt im Café litéraire zu einem Glaſe Bier, wie gewohnt, meine deutſchen Zeitungen zu leſen. Unterwegs begegnete mir eine elegant in Schwarz gekleidete Dame, die mir, als meines momentanen Vermuthens perſönlich bekannt, einigermaßen auffiel. Nachdem wir aneinander vorbeigegangen, blieb ſie ſtehen und auch ich, wir Beide nach einander zurückblickend.„Sind Sie's, Herr F.?“ und „Ah, Frau Böhm!“ erklang es ſofort. Und jetzt überſtürzte mich die arme Mutter, die nach ihrem„verlorenen Sohne“ ſuchen ging und Gott dankte, daß ſie mich, ſeinen Freund, unterwegs getroffen, mit einer Fluth von haſtig ängſtlichen Fragen.„Wiſſen Sie nicht, wo Theodor iſt? Iſt er gefallen? Sitzt er in den Raſtatter Caſe⸗ matten? Haben ſie ihn vielleicht ſchon ſtandrechtlich erſchoſſen? Ich war in Straßburg, in Baſel, jetzt bin ich ſeinethalben hier, und wenn ich Nichts erfahren kann, ſo reiſe ich morgen nach Bern.“ So gerührt ich über dieſen ungeheuchelten Schmerz der braven Mutter eines braven Sohnes war, ſo konnte ich doch ein Lächeln nicht unterdrücken.„Seien Sie froh, Frau Böhm,“ erwiederte ich, ihr herzlichſt die Hand ſchüttelnd,„daß Sie gerade an mich gerathen ſind! Eine beſſere Auskunfts⸗Adreſſe hätten Sie gar nicht finden können. Geſtern Abend erſt haben wir beiſammen geſeſſen und ich werde Sie gleich zu Ihrem enfant perdu führen.“ Daß mich die alſo getröſtete Frau Mama, eine ſehr liebenswürdige gebildete Dame, nicht ſofort auf der Straße vor Freude küßte, war Alles. Ich ergriff ohne Weiteres ihren Arm, und als ich unſern Theodor, der unverzeihlicher Weiſe im damaligen allgemeinen Wirrwarr die
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