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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Unglücklicher! Darfſt du der Chrſucht blut'ge Schuld vermengen Mit der gerechten Nothwehr eines Vaters?

Doch Tell irrt. Aus Ehrſucht hat er freilich den Landvogt nicht getödtet, aber mit Nothwehr kann er ſich nicht entſchuldigen. Damals, wenn er, um den Schuß von ſeinem Kinde abzuwenden, den Bogen auf Geßler's Bruſt gerichtet hätte, wäre es Nothwehr geweſen; ſpäter war es nur Rache, wohl auch Feigheit er hatte nicht den Muth, eine Gefahr, die er ſchon mit Zittern kennen ge⸗ lernt, zum zweiten Male abzuwarten. Dieſer rein äſthetiſch⸗ moraliſchen Anſicht bin ich noch heute denn von einem hiſtoriſchen Tell kann für mich nun einmal keine Rede ſein, ſo oft ich auch noch mit meinen damaligen Erxilgenoſſen in der Schweiz über dieſe Frage, die nur der kritiſche Verſtand auf Grund der hiſtoriſchen Quellen, nicht aber die Sympathie des Gemüths für eine beliebte dichteriſche Heldenſigur zu entſcheiden hat, ſpäter in heftigen Streit gerieth.).

Fragt ihr mich, ſo hieß es in einem Briefe nach Hauſe weiter, um nach dieſer unabweisbaren Abſchweifung damit zum Schluſſe zu kommen,was ich nun vorhabe? ſo könnt ihr euch die Antwort leicht denken. Lange noch im Exil bleiben, auf keinen Fall. Ihr wißt zur Genüge, daß ich das verbummelnde Flücht⸗ lings⸗Hundeleben noch von Straßburg her bis über die Ohren ſatt bin. Nach Amerika gehen mag ich bis jetzt noch nicht, aus ge⸗ wiſſen Gründen, die ich bei meiner letzten Anweſenheit perſönlich mit euch erörtert habe. Ich habe vor, etwa nach einem Monat, bis die Standrechtsjuſtiz in Baden und Heſſen einigermaßen zu Ende iſt, nach Oberheſſen zurückzukehren und mich in Gießen zu endlicher Erledigung meines Proceſſes zu ſtellen. Ich hoffe, daß ich dann nach etwa vierwöchentlicher Unterſuchungshaft, eventuell gegen Caution einſtweilen auf freien Fuß geſetzt und gleich von der nächſten Jury nicht ſehr hart verurtheilt werde. Qualitativ entſprach das ſpätere Reſultat allerdings in der Hauptſache meinen damaligen Hoffnungen, nicht aber quantitativ, in Bezug auf die unerwartet lange Dauer meiner Haft. Indeſſen ich konnte immer⸗ hin den Verhältniſſen nach zufrieden ſein, uͤnd C. Ohly hatte nicht ſo Unrecht, als er mir beim Einſteigen in den Züricher Poſtwagen zur Rückfahrt in die Heimath nachrief:Ich wollte, ich ſtäcke in Deinen Schuhen! Du kommſt wenigſtens beſſer durch, als mir es blühen würde. Vielleicht ein Jahr Feſtung und dann biſt Du wieder in integrum reſtituirt! Auch Das, ſo nahe es lag, ſollte ſich freilich nicht erfüllen; denn meine ſpätere Ertra⸗Relegation und die totale Verſperrung der Advokaten⸗Carrière war ſicherlich das gerade Gegen⸗ theil einer restitutio in integrum. Aber wahrlich, nach ſolchen Er⸗

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