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ihrer Erholung die Schweiz beſuchten. Dieſes friedliche Zuſammen⸗ treffen auf neutralem Boden, nachdem wir uns kurz vorher dort drüben mit den Waffen in der Hand gegenüber geſtanden, machte auf mich einen gar eigenthümlichen Eindruck. Aus Kleidung und Unterhaltung ſchienen die Herren unſre kürzliche Eigenſchaft zu errathen, denn ſie fixirten uns fortwährend mit ihren Augenzwinkern ſehr verfänglich. Hier aber, auf dem republikaniſchen Rigi, war glücklicher Weiſe von etwaiger Verhaftung und ſtandrechtlicher Fü⸗ ſillade keine Rede mehr, und ließen wir uns daher auch in unſrer Unterhaltung nicht ſtören. Abends gingen wir nach Wäggis hinab, von wo wir mit dem Dampfboot nach Luzern fuhren. Der roman⸗ tiſche„Vierwaldſtätter“ war prächtig und ebenſo gefiel uns der Aufent⸗ halt in Luzern, wo Diepenbrock und ich uns auf einen Monat niederließen, um die Urkantone zu durchſtreifen. Er ſchwärmte als romantiſcher Dichter, wofür er ſich wenigſtens hielt,— und ein gewiſſes poetiſches Talent war ihm allerdings nicht abzuſprechen— für alle Plätze, welche mit der Geſchichte Wilhelm Tell's verknüpft waren, und als ich ihm nachwies, daß nach den neueſten Forſchungen der Geſchichte die ganze Tell⸗Sage nur eine, der däniſchen von Palnatoke(oder Toki) nachgebildete Legende ſei, ſo konnte er über einen ſo proſaiſch ketzeriſchen Zweifel ſtets in die höchſte ſitt⸗ liche Entrüſtung gerathen.
Ich ſelbſt habe von jeher das äſthetiſch⸗kritiſche Urtheil ge⸗ billigt, was L. Börne über den Tell der Sage und des Schiller'ſchen Drama's fällt.„Es iſt verdrüßlich, daß dieſer Tell in die Lage kommt, um der guten Sache willen ſchlechte Streiche machen zu müſſen. Verrath kann wohl nothwendig werden, aber ſittlich wird er nie, auch nicht, wenn an Feinden begangen. Und iſt es nicht Verrath, ein ſchlechter Streich, wenn Tell, als der Landvogt ſich auf dem See ſeiner Hülfe anvertraut,— der Feind dem Feinde— dem Schiffe entſpringt, es in die Wellen zurückſtößt und wieder dem Sturme preisgibt? Tell zeigt ſich auch hier wieder als Pedant, als Schulmoraliſt und buchſtäblicher Worthalter. Er glaubte nicht, den Landvogt getäuſcht zu haben; er verſprach, ihn aus der gegen⸗ wärtigen, zehn Schuhe breiten Gefahr zu retten, und dies hat er gethan, mehr aber nicht.— Jetzt kommt Geßler's Mord. Ich be⸗ greife nicht, wie man dieſe That je ſittlich, je ſchön finden konnte. Tell verſteckt ſich und tödtet ohne Gefahr ſeinen Feind, der ſich ohne Gefahr glaubte. Die Natur mag dieſe That rechtfertigen, ſo gut es ihr möglich iſt; aber die Kunſt vermag es nie. Als Tell ſpäter mit Johann von Schwaben zuſammentrifft und Dieſer mit dem Mordgeſellen Brüderſchaft machen will, ſtößt ihn Jener mit Abſcheu zurück und ſpricht:


