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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Corps', gezwungen durch die immer mehr überhand nehmende In⸗ disciplin und Derſertion der Mannſchaft, am Abend des 10. Juli über die Brücke auf Schweizer Gebiet. Das war das Ende vom Liede, und nach Allem, was ich zuletzt erfahren, war ich herzlich froh, daß es ausgeſungen war. Unſre Leute wurden durch den

uns in Steinen erwartenden eidgenöſſiſchen Commiſſär gleich in

das Innere inſtradirt. Wir ſelbſt gingen mit Doll, Merſy und Diepenbrock zunächſt nach Muttenz, wo wir imSchlüſſel, dem früheren Quartier Heckers, kneipten, von da über Birsfelden nach Baſel, von dort wieder zurück über Lieſtal nach Aarau. Hier trennten wir uns von Doll, deſſen fortwährend ſchwankende Un⸗ ſchlüſſigkeit in Bezug auf die Wahl ſeines Aufenthalts wir zuletzt überdrüſſig wurden. Er wollte vor Allem nach Straßburg zurück und ich ſelbſt würde im Hinblick auf meine früheren dortigen Be⸗ kanntſchaften, reſp. den darauf beruhenden Credit ihn gerne dahin begleitet haben, allein die franzöſiſche Grenzpolizei iſt jetzt unter dem mit Recht verhaßten Gouvernement Napoleons ſehr rigoros. Viele Flüchtlinge werden ganz zurück⸗, Andre ſofort in das Innere gewieſen, und ich mochte dies bei den geringen Trümmern meiner Caſſe(die letzte Löhnung hatte ich in Kehl gefaßt) nicht riskiren. So bin ich denn einſtweilen mit J. Wüſt und einem früheren Kriegscommiſſär des linken Flügels, Weill, einer ſehr ergötzlichen Figur à la Falſtaff, deſſen Rodomontaden unſer Zwerchfell während des ganzen Feldzugs gewaltig gekitzelt haben, übrigens einem ge⸗ riebenen Kameraden mit ächt jüdiſcher Geſchäftspraxis, über Baden nach Zürich gegangen, wo ich nach zweitägigem fruchtloſem Um⸗ herſuchen endlich ein leidliches Quartier in der nächſten Nähe des See's gefunden habe. Wir logiren mit einander imSchwanen in der Riesbach, einer mit Zürich verbundenen Dorfgemeinde. Das Logis koſtet wöchentlich à Perſon 1 Gulden, das Mittageſſen 20 Kreuzer. Das Kaffeetrinken habe ich mir denkt euch! aus nationalökonomiſchen Gründen bereits abgewöhnt. Ich trinke Morgens Waſſer oder eine Taſſe Milch, Abends eſſe ich kalte Küche in irgend einer Bierwirthſchaft der Stadt. In der Schweiz iſt Alles unverſchämt theuer,(geſtern mußte Ohly in einem Gaſthauſe der Stadt für eine ſimple Taſſe Kaffee 6 Batzen, ſage 24 Kreuzer bezahlen!) und dieſer fatale Geldpunkt iſt es namentlich, der mir den hieſigen, ſonſt angenehmen Aufenthalt gewaltig verleidet. Die Gegend iſt herrlich, insbeſondre dersSee mit ſeinen köſtlichen, von Landhäuſern und Meiereien belebten Ufern und den Alpen im Hintergrund. Es gibt nichts Schöneres, als ſich auf einem der zahlreichen Nachen eine Stunde weit auf dem Waſſer ſchaukeln zu laſſen. Bis jetzt wimmelt hier Alles von Flüchtlingen der ver⸗ ſchiedenſten Claſſen, meiſt in blauen Blouſen und in der etwas