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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Ohly. Er kam von Mannheim zu uns herüber und auf meine Verwendung erhielt er durch den radikalen Buchhändler H. Hoff von der proviſoriſchen Regierung die Miſſion, der Situation ent⸗ ſprechende Proclamationen an die feindlichen Truppen, an die Be⸗ völkerung der Nachbarſtaaten ꝛc. zu entwerfen, ſowie officiöſe Ar⸗ tikel iu die damals von H. B. Oppenheim redigirteKarlsruher Zeitung zu ſchreiben. Dafür eignete er ſich vortrefflich und machte ſeine Sache auch gut. Eines Abends ſaßen wir beiſammen in einem Kaffee⸗ und Bierhauſe der Reſidenz, als man plötzlich von Knielingen her ſtarken Kanonendonner vernahm. Es waren die Preußen, die damals durch die Pfalz über den Rhein herüber⸗ gingen. Das waren bedenkliche Klänge und Freund Ohly, der mir ſonſt immer von der angeblichen Uneinnehmbarkeit der Murg⸗ poſition vorperorirt hatte, machte ein ernſtes Geſicht.Du, F., ſagte er halblaut zu mir,es iſt am Geſcheidtſten, wir gehen morgen mit einander über die Schweizer Grenze. Zu machen iſt hier doch Nichts mehr und wenn uns die Kerle hier erwiſchen, ſo werden wir ohne Gnade und Barmherzigkeit ſtandrechtlich füſilirt. Futter für preußiſches Pulver brauchen wir doch noch nicht zu werden.Aber, O., entgegnete ich ihm ſarkaſtiſch,wir haben ja noch die von Dir ſo geprieſene Murgpoſition! Die bietet uns doch noch einen Haltpunkt zu fernerem Widerſtande, wenn auch die Sache ſelbſt gar nicht mehr zu retten iſt.Ah, was? Murgpoſition! Ich ſehe ihn noch die Hand abwehrend dazu ſchütteln.Die Geſchichte iſt futſch und morgen fahre ich über Baſel. So geſchah es auch und, da er keine militäriſche Ver⸗ pflichtungen übernommen, ſo hatte er von ſeinem Standpunkte aus vollkommen Recht. Nach etwa 6 Wochen trafen wir wieder in Zürich zuſammen, wo er ſeine leider! verſchollenenrothen Lieder darunter einige von ganz unläugbarem poetiſchem Werthe veröffentlichte. Eine länger dauernde Krankheit warf ihn dort aufs Lager, an welchem ich ihm häufig genug treue Wärterdienſte leiſtete und ihn durch meine Witze zu erheitern ſuchte. So nannte ich ihn u. A., ſcherzweiſe, ſeines Patiententhums als deutſcher Flüchtling an den Ufern des Züricher See's halber, ohne alle ſonſtige Vergleichung, denmodernen Ulrich Hutten, worüber er trotz geſchmeichelter perſönlicher Eitelkeit Humor genug beſaß, in herzliches Lachen aus⸗ zubrechen. Uebrigens ließen damals ſchon verſchiedne gelegentliche Excentricitäten errathen, daß er durch die politiſchen Ereigniſſe, welche nach der unglückſeligen Verſammlung von Oberlaudenbach raſch auf einander folgten und ihn ganz aus ſeiner Carrière herauswarfen, ſchon einigermaßen aus dem geiſtigen Gleichgewicht gekommen war. Es iſt jammerſchade für ihn! Er war ein dich⸗ teriſches und zugleich kritiſches Talent von bedeutender Begabung