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Eine hochgewachſene Figur mit einem gewiſſen Embonpoint und nicht beſonders auffallender Phyſiognomie, erſchien er mir weit eher wie ein wohlhäbiger intelligenter Pachter, als wie ein Re⸗ volutionär de pur sang. Außerhalb unſres Büreau's traf ich ihn nur noch einmal in einer durch ihn mitveranlaßten Volks⸗ verſammlung der radikalen Mißvergnügten auf dem Karlsruher Rathhaus, wo unter ſcharfem Tadel der bisherigen„zögernden Halbheiten“ der proviſoriſchen Brentano'ſchen Regierung zu energiſcherem Vorgehen ꝛc. aufgefordert und, irre ich nicht, unter dem Widerſpruche einer nicht unbedeutenden Minorität, eine des⸗ fallſige Adreſſe unterzeichnet wurde. Als wir auseinander gehen wollten,— ich ſelbſt war in meiner damaligen officiellen Eigen⸗ ſchaft mehr nur beobachtender Zuſchauer ohne irgend welche Theil⸗ nahme an der Debatte geweſen— fanden wir alle Ausgänge von der ſehr loyalen Karlsruher Bürgerwehr beſetzt, welche, wenn ich mich recht entſinne, Einige von uns verhaftete, von den Andern aber die Namen notirte.„Contrerevolution!“ ſchrie Struve, und Heinzen ballte die Fauſt. Am andern Tage wurde auf Brentano's Befehl Struve, ſowie, falls ich mich nicht ſehr täuſche, auch Heinzen aus der badiſchen Reſidenz ausgewieſen. Mein alter Gießener Univerſitätsfreund Liebknecht aber, der ebenfalls unter den malkon⸗ tenten Krakehlern voran war, wurde zur Beſchwichtigung für ein paar Tage nach Raſtatt transportirt.—
Eine komiſche, in mancher Beziehung wahrhaft Falſtaff'ſche, ſcheinbar dem Holzſchnittkaſten der„Fliegenden Blätter“ entſprungene Figur war der Zweitgenannte obiger Beſucher unſres Commandan⸗ tur⸗Büreau’'s: Oberſt Rango von der Weſterburg, ſoviel ich mich erinnere, ein früherer Ofſicier, was ſchon ſeine jetzige Phantaſie⸗Uni⸗ form vermuthen ließ. Mit Rückſicht auf ſeine, ob nun wirkliche oder fingirte militäriſche Vergangenheit hatte man dieſem abenteuerlichen Patrioten vorerſt bei uns eine Sinccure zugetheilt. Da ſaß er denn ernſteſten ſtrategiſchen Geſichts, eine große badiſche General⸗ ſtabskarte vor ſich, worin er Tag für Tag nach den neueſten Nach⸗ richten die jeweiligen Poſitionen der immer mehr vorrückenden preu⸗ ßiſchen, ſowie auch unſrer Truppen mit verſchiedenfarbigen Nadeln markirte. Das war in der Hauptſache ſeine ganze Arbeit, bei deren etwaiger Störung man von ihm die berühmte Antwort des Archimedes riskirt haben würde. So oft mir dieſe mittelalterliche Landsknechts⸗Figur auch im Wege war, ſo konnte ich doch über den unerſchütterlichen Ernſt des ſtrategiſchen Nadelkünſtlers kaum das Lachen halten. Bei uns hieß er nur der„Wurſtenberger“. Später iſt er verſchollen.
Unvergeßlich ſind mir die damaligen Karlsruher Unterhal⸗ tungen mit meinem ſpäter ſo unglücklichen genialen Freunde Carl


