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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Canaille. Zunächſt durchmuſterten wir die Gemächer, worin die geſchmackvoll gruppirte Kriegsbeute des bekannten Prinzen Ludwig von Baden aus dem Kampfe gegen die Türken aufgeſtellt und an den Wänden aufgehängt war. Darunter befand ſich auch das ſtattliche Zelt des commandirenden feindlichen Paſcha's, diverſe Roßſchweife und allerlei türkiſche Waffen, zum Theil reich damas⸗ cirt, krumme Säbel und dergleichen uns noch unbekannte Gegen⸗ ſtände, im Ganzen ein ſchon hiſtoriſch höchſt intereſſanter Anblick. Natürlich war für modernen Kriegsbedarf nichts Brauchbares dar⸗ unter. Da wir einmal hier waren, ſo plagte uns die Neugier, auch die übrigen Räumlichkeiten wenigſtens zum großen Theile durchzumuſtern. Zunächſt ging es nach den ſehr luxuriös ausge⸗ ſtatteten Gemächern der Großherzogin Sophie, die wir im Ge⸗ dächtniſſe an die traurige Affaire Werefkin⸗Göler und Sarachaga⸗ Haber mit beſondrem Intereſſe betrachteten. Unter Anderm ich hatte natürlich den ſtrengſten Befehl gegeben, daß bei ſofortiger Arreſtation Niemand auch nur das Geringſte wegnehmen oder be⸗ ſchädigen dürfe! kamen wir auch in den ſogenannten Thron⸗ ſaal mit vergoldetem Sammtſeſſel unter prachtvollem Baldachin, von wo aus u. A. die badiſchen Stände der erſten und zweiten Kammer von den Großherzogen feierlichſt empfangen und entlaſſen wurden. Ich konnte bei dieſem Anblick dem republikaniſchen Kitzel, einmal in loco einen Monarchen von Gottes Gnaden in humo⸗ riſtiſcher Weiſe zu parodiren, nicht widerſtehen, und an Wen würde nicht in gleicher Lage die gleiche Verſuchung herangetreten ſein? Ich ſchwang meinen plebejiſchen Cadaver auf den großherzoglichen Thronſeſſel, ohne daß mich irgend ein merkbarer Schauer über⸗ rieſelte, ließ die Mannſchaft im Kreiſe um mich antreten und hielt mit tragikomiſchem Pathos aus dem Stegreife eine ſalbungsvolle Empfangsrede an die imaginärenlieben und getreuen Stände. Indem ich das momentane Vorhandenſein der faktiſchen Republik als geſetzlich zu Recht beſtehend annahm, zählte ich eine Anzahl beliebiger durchweg demokratiſcher Geſetzesvorlagen im Sinne unſres eignen damaligen Parteiprogramms auf, die ich der prompten und gewiſſenhaften Erörterung und legislatoriſchen Erledigung der Ver⸗ ſammelten mit ernſteſter Miene von der Welt empfahl, und entließ ſodann mit thunlichſter Grandezza dielieben und getreuen Stände die ſich, den Humor des Vorgangs, wobei durchaus keine Majeſtä

beleidigung beabſichtigt war, wohl verſtehend, mit allgemeiner He terkeit unter einem Hoch! auf die Republik entfernten. Eine ſ lch Situation kommt gewiß Unſereinem ſelten vor, und wenn mancher hypermonarchiſche Grieſegram über eine ſo unerhörte Profanation entrüſtet den Kopf ſchüttelt, ſo muß er bedenken, daß wir, durch⸗ weg Republikaner, damals im offnen Kampfe mit der reichsver⸗

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