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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Komme augenblicklich hierher ins Hauptquartier, um einen

wichtigen Vertrauenspoſten zu übernehmen! In Eile Dein Diepenbrock.

Was war da zu machen? Wenn ich in einem ſolchen Mo⸗ mente, wo die Kanonen der ſchwarzrothgoldnen Volksbewegung ſchon zu donnern anfingen, mich freiwillig in die Gießener Gefäng⸗ nißzelle verkrochen hätte, ſo würde das aufs Haar wie eine Feig⸗ heit, die à tout prix ihre Haut ins Trockne bringen will, ausge⸗ ſehen haben. Und ob ich auch immer noch ein gewiſſes Miß⸗ trauen in das Gelingen der vorerſt nur auf Baden und die kleine Pfalz beſchränkten Bewegung nicht unterdrücken konnte, ſo blieb mir doch unter den vorliegenden Umſtänden honoris causa nichts Andres übrig, als dem Rufe meiner Exil⸗ und Parteigenoſſen ohne langes Beſinnen zu folgen. So ſuhr ich denn denſelben Abend noch mit dem Poſtwagen ab, einem neuen Erile entgegen. Ich ſehe manchen Leſer den Kopf ſchütteln. Aber, frage ich, welchen junge Mann von meinen beſondren Antecedentien hätte in gleicher Situation anders gehandelt? Im Poſtwagen ſaß mir mein Gie⸗ ßener Auszugscomité⸗College, der dickePortier Becker, ein höchſt gemüthlicher Camerad, gegenüber, der über die Keckheit meiner unmaskirten Durchreiſe durch unſre Heimathprovinz höchſt erſtaunt war, mir aber für den Nothfall ſeine handfeſte Secundage ver⸗ ſprach. Braver Portier! Du haſt dich zwar im Hinblick auf dein paſtoral⸗chriſtliches Himmelreich ſtets wenig oder gar nicht um irdiſche Politik bekümmert, aber ich bin von einem ſo ehrlichen mannhaſften Kerle, wie du biſt, feſt überzeugt, daß du mich im Nothfall mit deinen wuchtigen Fäuſten herausgehauen haben würdeſt, obſchon du ein Erhäuptling der Teutonen warſt und ich einer der von euch ſ. Zt.in Jamb geſteckten Allemannen. Ich kam unbehelligt über Worms auf das aufſtändiſche Gebiet. Doll hatte zunächſt das Commando in Kehl übernommen, wo er die ſchwache Grenzbeſatzung befehligte und, was die Hauptſache, die Organiſation, Bewaffnung und Einübung der Volkswehr des ge⸗ ſammten Mittelrheinkreiſes zu überwachen hatte. Daß ich dort die herzlichſte, fröhlichſte Aufnahme fand, ebenſo der mir bald nach⸗ folgende Carl Hillebrand, der von Gießen ſporenſtreichs hergeeilt. war, verſtand ſich ganz von ſelbſt. Ich war natürlich Doll's erſter Secretär, Carl Hillebrand zweiter. Unſre Hauptaufgabe war zu⸗ nächſt die Mobilmachung der Volkswehr, die baldmöglichſt zur Verſtärkung der, mit einziger Ausnahme eines großen Theils der Reiterek, zu uns übergetretenen badiſchen Linie marſchfertig ge⸗ macht werden ſollte, namentlich die Aſſentirung und Inſpicirung der Recruten, zu welchem Zwecke wir auf unſren verſchiednen

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Rundfahrten den Militärarzt bei uns hatten. Da wurden denn