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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Mittag hatte ich ſogar die Keckheit, unvermummt mit meinem braven Freunde S. über die Straße zum Eſſen in ſeine Reſtauration, nahe beim Trauben, zu gehen, ohne daß ein Hahn nach mir gekräht hätte. Bald nachher freilich, als ich bereits verduftet war und die Sache ruchbar wurde, machte S. ſein Vorgeſetzter über dieſen ordon⸗ nanzwidrigen Verkehr mii einem polizeilich proſcribirten Staatsver⸗ brecher dienſtlichen Vorhalt. S. aber erwiederte ritterlich, ich ſei nun einmal ein Jugendfreund von ihm, gegen meine perſönllche Ehrenhaftigkeit könne Niemand Etwas einwenden und ſo habe er mir, trotz der oft genug durchgeſprochenen ſtarken Verſchiedenheit unſrer politiſchen Anſichten, das für die Durchreiſe in die Heimath bei ihm nachgeſuchte Quartier nicht verweigern dürfen, ohne ſich in ſeinen eignen Augen zu blamiren. Dieſe entſchiedne ehrliche Ant⸗ wort, wie ſie freilich heutzutage in gleicher Lage nur wenige vor⸗ erſt widerruflich angeſtellte Aspiranten des Staatsdienſtes geben würden, machte den erwarteten Eindruck. Der Herr Oberfinanz⸗ rath war honorig genug, unter dieſen Umſtänden der Sache keinerlei weitere Folgen zu geben. Braver kleiner S., Das habe ich Dir

niemals vergeſſen! Nachdem ich mich in der Reſidenz ein paar

Tage reſtaurirt und unter einſtweiliger Aushülfe meines gegenüber wohnenden Landsmannes W., deſſen freundlichſt dargeliehene ge⸗ ſtreifte Hoſen ich heute noch vor mir ſehe, meine ſehr defecte Gar⸗ derobe hatte wiederherſtellen laſſen, ging es getroſt über Frankfurt weiter, größtentheils bei Tage per Omnibus, nach der oberheſſiſchen Heimath, von da nach ein paar Tagen verſtohlenen Aufenthalts über Elpenrod zum Beſuche meiner Lieblingsſchweſter, die über meinen unverhofften Anblick ganz außer ſich gerieth, nach Gießen. Im Begriffe, mich dort ſchon zum Antritt meiner Haft zu ſiſtiren, trafen mich gleich am erſten Tage weit günſtigere Nachrichten über den Verlauf der pfälziſch⸗badiſchen Bewegung, als ich erwartet hatte, ſodaß ich nachgerade an die Möglichkeit eines Erfolges ernſt⸗ lich glaubte. Zudem erhielt ich unter eventuell aufgegebener dortiger Adreſſe von meinen beiden Erilgenoſſen F. Doll und J. Diepen⸗ brock folgenden aus Ludwigshafen datirten, mit Geld beſchwerten Brief:

Lieber Freund! Früher haben Sie mehrmals den Wunſch ausgeſprochen, zu mir an meine Seite zu kommen, falls wir wieder

ausrücken würden. Dies iſt nun geſchehen. Ich ſtehe zur Zeit mit

Diepenbrock in Ludwigshafen, vis-a-vis von Mannheim, und ſchicke Ihnen zur Hierherreiſe 8 Thaler. Kommen Sie nicht, nun ſo werden wir uns ſpäter vielleicht dort oder in Frankfurt wiederſehen. Viele Grüße an die drei Hillebränder und Schenck von Ihrem Hauptquartier Ludwigshafen, Friedrich Doll. den 12. Mai 1849.