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verſammlung, worin zu Geldſubſcriptionen aufgefordert wurde, um die in Frankreich lebenden deutſchen Flüchtlinge behufs Beruhigung der deutſchen Ordnungs⸗Philiſter, die jederzeit von dieſen Despe⸗ rado’'s Putſche über die Grenze befürchteten, zu einer Art freiwilliger Selbſtdeportation nach Nordamerika zu veranlaſſen. Carl Vogt erſchien zu dieſem beſondren Zwecke in Straßburg, wo wir drei Gießener Studenten, die beiden Hillebrand und ich, im Café Miroir bei ihm zu Mittag ſpeiſen mußten. Aber alle Verhandlungen
ſcheiterten an dem allzu hoch geſpannten patriotiſchen Selbſtgefühle
unſrer exilirten Vaterlandsretter, die ſich nicht als gemeingefähr⸗ liche Subjecte auf öffentliche Koſten expatrürren laſſen wollten. Wir hielten deßhalb zwei ſtürmiſche Verſammlungen und ich ſelbſt entwarf im Auftrag meiner Schickſalsgenoſſen folgenden geharniſch⸗ ten Proteſt, der faſt einſtimmig angenommen wurde.
„An die Herren Reichtags⸗Abgeordneten Gevekoht, Merck, Rießer, Simſon, Tellkampf, Veit und Vogt.
Die unterzeichneten deutſchen Flüchtlinge ſehen ſich durch den von Ihnen im Frankfurter Journal veröffentlichten Aufruf zur Sammlung von Beiträgen für die Ueberſiedelung der in Frank⸗ reich lebenden Flüchtlinge nach Amerika veranlaßt, Ihnen ſowohl im Intereſſe ihrer perſönlichen Ehre, als auch der politiſchen Partei, der ſie aus Ueberzeugung angehören und deren vorübergehende Niederlage ſie in's Exil getrieben hat, hiermit Folgendes zu er⸗ klären:
So ſehr wir bedauern, daß ein Theil der Unterzeichneten durch die augenblickliche Bedrängniß unſerer Lage auf die Noth⸗ wendigkeit fremder Unterſtützung angewieſen iſt, und ſo ſehr wir alle unſern jetzigen unfreiwillig beſchäftigungsloſen Aufenthalt mit einer angemeſſenen Thätigkeit innerhalb der nordamerikaniſchen Freiſtaaten zu vertauſchen wünſchen, ſo müſſen wir doch aus nahe liegenden Gründen Bedenken tragen, uns dem von Ihnen ange⸗ regten Unternehmen anzuſchließen. Ja wir müſſen ſogar gegen deſſen für uns ſelbſt verletzende Form hiermit ganz entſchieden pro⸗ teſtiren. Wenn wir ſeither nicht gezögert haben, die an uns von Deutſchland einlaufenden Unterſtützungsgelder mit dankbarer An⸗ erkennung des guten Willens der Geber anzunehmen, ſo geſchah dies, weil wir uns berechtigt glaubten, dieſe Beiträge als wohl⸗ gemeinte Beweiſe einer nicht unverdienten Sympathie von Seiten unſrer Geſinnungsgenoſſen in der Heimath und als theilweiſe Ent⸗ ſchädigung für die empfindlichen perſönlichen Verluſte anzuſehen, die wir im Kampfe für die Freiheit unſrer Mitbürger erlitten haben. Wir haben aber noch nicht ſo ſehr das Gefühl unſrer eignen Ehre und die Achtung für die Saͤche, der wir unſre Hei⸗ math und Stellung aufopferten, verloren, um uns durch Annahme


