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zu den ſeltenen Ausnahmen zählende Art und Weiſe, wie uns beim Heimwege von der Kehler Schiffbrücke nach Straßburg die Zollwächter behandelten. Wir trieben ſtarke Contrebande. Alle unſere Rock⸗ und Hoſentaſchen ſtarrten von deutſchen Tabaks⸗ und Cigarren⸗Packeten, mitunter auch von anderen, an ſich unſchuldigen Dingen, die wir aus bloßer Gefälligkeit für unſere freundlichen Hauswirthinnen herüberſchmuggelten. Sobald wir aber an der Douane, wo ſonſt der monotone Ruf:„N'avez vous rien a déclarer?“ mit obligatem Griff in die Taſchen ertönte, nur vorübergingen, machte der alte Unterofficier mit grauem Schnurrbart regelmäßig, mit der Hand abwinkend, die lakoniſche Bemerkung:„Ce sont des refugiés allemands. Laissez passer!“ Dieſe ſich ſelbſt er⸗ klärenden Worte des wackeren alten Schnauzbarts ſind mir bis auf den heutigen Tag unvergeßlich geblieben. Eine ſo chevalereske Courtoiſie für— namentlich wegen freiheitlicher Beſtrebungen— Verfolgte hat uns damals ſehr imponirt. Obwohl ich in dem mannigfachen unfreiwilligen Verkehr meiner Vergangenheit mit heſſendarmſtädtiſchen Gensd'armen niemals auch nur über einen Einzigen derſelben wegen inhumaner Behandlung zu klagen hatte*), ſo glaube ich doch kaum, daß von deutſchen, ob auch noch ſo tole⸗ ranten Polizeibeamten gegenüber ſo polizeiwidrigen ſteckbrieflich ſig⸗ naliſirten Individuen mit ſo verbindlicher Artigkeit verfahren werden wird.„Ce sont des refugiés allemands. Laissez passer!“ Dieſer ſchöne Ruf des alten franzöſiſchen Unterofficiers, der mir im Anfang die Augen befeuchtete, klingt mir heute noch in die Ohren.—.
Beſondere Entrüſtung unter uns Flüchtlingen aller Schat⸗ tirungen erregte der durch die Zeitungen veröffentlichte Aufruf einer Fraction der Linken und des Centrums der Frankfurter National⸗
*) Ihrem wackeren jetzigen Oberſten, dem damaligen Gießener„Ritt⸗ meiſter“ Kerz, bin ich für ſeine ritterliche Liebenswürdigkeit zu ganz beſondrem Danke verpflichtet Da man wegen meiner notoriſchen Popularität in der ober⸗ heſſiſchen Heimaths⸗Provinz vor der Gießener Jury eine vollſtändige Frei⸗ ſprechung befürchtete, ſo verwies man mich in mir heute noch unerklärlicher Weiſe nach Darmſtadt, wo ich perſönlich faſt gar nicht bekannt war, und ich ſollte, wie jeder Dieb und gemeine Hallunke, bei hellem Tage„geſchloſſen“ (d. h. mit Hand⸗ und Fuß⸗Feſſeln) nach der Reſidenz transportirt werden. Dieſer„Schimpf“ wäre mir— zunächſt wegen meiner Familie— höchſt empfind⸗ lich geweſen. Ein einfaches Billet an Herrn Kerz, worin ich mein Ehrenwort dafür verpfändete, keinen Fluchtverſuch machen zu wollen, genügte, um mir Das zu erſparen. Er gab mir ſogar die zwei„Anſtändigſten“ ſeiner Leute zur Eskorte, die mich unterwegs ſo„bemutterten“, daß in dem Eiſenbahn⸗Coupé ſicher Nie⸗ mand, der mich und meine momentanen Verhältniſſe nicht kannte, auf meine Eigenſchaft als Arreſtant hätte ſchließen können. Unſre Gensd'armerie iſt ein braves Corps, uud ich ſtatte mit wahrem Vergnügen ſowohl dem Chef, als dem Perſonal hiermit öffentlich meinen aufrichtigſten Dank ab. D. V.
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