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feingeſchnittenen, ſcharf gebeizten franzöſiſchen Regie⸗Tabak konnte ich nicht vertragen.)
Es war für mich ſtets ein ganz beſonders elegiſches Gefühl, wenn ich ſo, auf dem Boden hingelagert, Angeſichts der durch den breiten„grüngoldigen Strom“ von mir getrennten Heimath im Kreiſe meiſt fröhlicher Exilgenoſſen mein Glas deutſches Bier trank und meine deutſche Cigarre dazu rauchte, und der Gedanke an die ſorgenvolle Mutter und jene blonde„Sie“, die ſich vielleicht daheim um mich abhärmten, entlockte mir gar oft einen leiſen Stoßſeufzer. Aber— pah! Wir, denen der ganze Himmel noch voll politiſcher Baßgeigen hing, rechneten ja damals mit vollſter Sicherheit auf eine demnächſtige Revolution und die unausbleibliche deutſche Republik, natürlich mit Feitz Hecker als Präſidenten. (Ich ſelbſt hatte, um nur Advokat und„tribunus plebis“ zu bleiben, mit immerhin annerkennenswerther Beſcheidenheit auf ein Miniſterportefeuille im Voraus verzichtet.) Jeden Morgen begeg⸗ neten wir uns im Café oder Eſtaminet mit dem großen Frage⸗ zeichen im Geſicht, ob es daheim nicht endlich„losgegangen“ ſei, daß der Eine oder Andere zur Rettung des Vaterlandes heim⸗ fahren müſſe, und von dieſem„Wechſel auf die Zukunft“, der frei⸗ lich hinterdrein mit Proteſt, Mangel Zahlung, zurückging, lebten wir getroſt von heute auf morgen. Ja, ob auch noch ſo ſchlimm, es war doch, um mein altes Lieblingslied aus dem Lortzing'ſchen Waffenſchmied zu citiren,„eine köſtliche Zeit!“ Unter uns waren gar manche inzwiſchen zu Grunde gegangene Abenteurer und„cati⸗ linariſche Exiſtenzen“, ja ſogar Reptilien im ſchlimmſten heutigen Sinn. Aber die große Mehrzahl beſtand aus ehrlich patriotiſchen, meiſt ſtudentiſchen Himmelsſtürmern und Weltverbeſſerern, die nur das deutſche Vaterland— Republik mußte es natürlich ſein, jeder Andersgläubige war ein„Volksverräther!“— im Auge hatten und ſich für daſſelbe jeden Moment hätten todtſchlagen laſſen. Wir ſaßen, wie die trauernden Juden auf dem Bilde Bendemann's, „an den Waſſern Babylon's und weinten“— mitunter aber lachten wir auch herzlich trotz aller politiſchen Trübſal. Alle idealiſtiſchen Geigen, die damals an unſerem ſchwarzrothgoldnen Himmel hingen, ſind inzwiſchen Stück für Stück heruntergefallen und an ihrer Statt ſehen wir heute nur noch die ſchwarz⸗weiß⸗ rothe Krupp'ſche Gußſtahl⸗Kanone.„Fuit Ilium, fuimus Troes!“ O glückliche Jugendzeit mit deinen ſchönen Illuſionen,„wohin biſt du entſchwunden?“„Quae mutatio rerum!“ So heißt’s in dem alten Studentenliede, das ich ſo oft ahnungslos hinter manchem Schoppen mitgeſungen. Und„o jeram! jerum! jerum!“ ſo lautete die vorangehende Verszeile.
Beſonders charakteriſtiſch war die in Deutſchland ſicher nur


