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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Hillebrand und ich die Schwäche, von Zeit zu Zeit auf die Mitte der damaligen Schiffbrücke nach Kehl zu gehen, wo ſich zwei feind⸗ liche Schildwachen, ein franzöſiſcher und ein badiſcher Infanteriſt, der eine in rothen, der andere in blauen Hoſen, einander friedlich gegenüberſtanden. Wir ſtreckten dann jedesmal das eine Bein über die durch Flaggenſtangen bezeichnete nationale Demarkations⸗ linie, das andere aber hielten wir vorſichtig zum Rückzuge bereit und immer dachte ich dabei an die Worte L. Börne's in dem zweiten ſeiner bekannten Pariſer Briefe(aus Straßburg):Die erſte franzöſiſche Kokarde ſah ich an dem Hute eines Bauern, der, von Straßburg kommend, in Kehl an mir vorüberging. Mich ent⸗ zückte der Anblick. Er erſchien mir wie ein kleiner Regenbogen nach der Sündfluth unſerer Tage, als das Friedenszeichen des verſöhnten Gottes. Ach! und als mir die dreifarbige Fahne ent⸗ gegenfunkelte ganz unbeſchreiblich hat mich das aufgeregt. Das Herz pochte mir bis zum Uebelbefinden, und nur Thränen konnten meine gepreßte Bruſt erleichtern. Die Fahne ſtand mitten auf der Brücke, mit der Stange in Frankreichs Erde wurzelnd, aber ein Theil des Tuches flatterte in deutſcher Luft. Fragen Sie doch den erſten beſten Legationsſecretär, ob das nicht gegen das Völker⸗ recht ſei? Es war nur der rothe Farbenſtreif, der in unſer Mutter⸗ land hineinflatterte, das wird auch die einzige Farbe ſein, die uns zu Theil werden wird von Frankreichs Freiheit!

Wenn wir drei flüchtige Oberheſſen ſozweibeinig auf der Kehler Schiffbrücke ſtanden, ſo erheiterte das jedesmal ſowohl den blauhoſigen Badenſer, als den rothhoſigen Grenzwächter dergrande nation. Eines Tages bemerkte uns der Letztere, ein biederer Gas⸗

cogner und eben ſo guter Geograph, wie ſeine übrigen, ſelbſtſtu⸗ dirten Landsleute, indem er den einen Fuß nach der badiſchen, den anderen nach der franzöſiſchen Seite ſtellte, mit rührender Naivetät:Voyez, Messicurs! Gi la France et l'Autriche! (Deſtreich und Deutſchland waren ihm alſo gleichbedeutend. Heut⸗ zutage, nach 1866, würde ein ähnlicher Schnitzer wohl kaum mehr einem franzöſiſchen Rekruten paſſiren.)

Da wir als, ſo zu ſagen, politiſch relegirte deutſche Stu⸗ denten vor Allem deutſches Bier und deutſchen Tabak liebten, ſo pflegten wir unmittelbar an oder in dem Zollhäuschen am Ufer desfreien deutſchen Rheins von Zeit zu Zeit unſer Fäßchen deutſchen Gerſtenſaftes, der allda nicht verzollt zu werden brauchte, zu trinken und uns durch einen brieflich beſtellten Kehler Lands⸗ mann über die Schifſbrücke herüber Tabak und Cigarren bringen zu laſſen.(Auf dieſem Wege erhielt ich regelmäßig meinen Gie⸗ ßenerSchirmer im weißen Paquet mit rothem Siegel. Den

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