Druckschrift 
Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
Seite
119
Einzelbild herunterladen

III. Aus der Straßburger Flüchtlingszeit*).

Als ich vor Kurzem auf meinem gewohnten Morgenſpazier⸗ gange den Perron unſres Main⸗Neckar⸗Bahnhofs durchſchritt, paſſirte abermals eine Abtheilung von etwa 200 Mann Oſtpreußen unter dem Commando eines Ofſiciers nach der nunmehr wieder deutſchen Neichs Feſtung Straßburg durch. Die Soldaten waren in fröh⸗ licher Stimmung, und aus einem Waggon ertönte in vollem Chor das alte wohlbekannte Volkslied:

O Straßburg, o Straßburg, du wunderſchöne Stadt! Darinnen liegt begraben ſo manniger Soldat!

So wenig ich ſonſt noch namentlich auf politiſchem Ge⸗ biete ſentimentale Anwandlungen habe, ſo war mir doch bei dieſen friſchen Klängen aus deutſchen Soldatenkehlen im Hinblick auf das Reiſeziel der Mannſchaft und im Rückblick auf meinen eigenen früheren unfreiwilligen Aufenthalt in derſelbenwunder⸗ ſchönen Stadt, deren Beſatzung ſie nun bilden ſollte, gar eigen⸗ thümlich zu Muth. DasOlim meminisse juvabit!, was einſt auf unſren ſtudentiſchen Pfeifenköpfen prangte, kam mir in den

Sinn, und der ſchneidende Gegenſatz zwiſchen Damals und Jetzt

.

war allerdings charakteriſtiſch genug, um ihm eine flüchtige Scizze zu widmen..

Anfang October 1848 kam ich als politiſcher Flüchtling, wegenHochverraths und ſonſtiger(1). Verbrechen ſteckbrieflich ver⸗ folgt, auf dem ſonderbaren Umwege über Lüttich, Namur und Metz ich wollte zuerſt nach Antwerpen, unterwegs aber packte mich

*) Nach einer Feuilleton⸗Scizze, die ich Ende November v. J. unter dem Titel:O Straßburg, du wunderſchöne Stadt! in denneuen heſſiſchen Volks⸗ blättern veröffentlichte. Ich habe ſie durch einige Zuſätze erweitert. D. V.