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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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einnationales Heimweh nach der deutſchredenden alten Reichsſtadt Morgens früh in ziemlich abgeriſſenem Zuſtande mit der Diligence in Straßburg an. Meine Caſſe war total erſchöpft. Dem liebenswürdigen Conductcur von Metz ab, der mir den derangirtenrefugié an der Naſe anſah und mich Angeſichts meiner Verlegenheit ſofort freundlich darauf anredete, hatte ich zur Ergänzung des nicht mehr ausreichenden Paſſagiergeldes meine väterliche Taſchenuhr verpfändet und die paar letzten Sous, die mein Portemonnaie noch barg, gab ich einem bereitſtehenden Gamin, um mir die Stiefel von ihm putzen zu laſſen.Omnia me- mecum portans, wie der alte Philoſoph, ſtieg ich in dem mir durch F. Hecker's früheren Aufenthalt daſelbſt als eine Lieblings⸗ Herberge deutſcher Flüchtlinge bekanntenRebſtöckel(IIétel à la vignette) ab. Da meine momentane Mittelloſigkeit ſich durch die Schüchternheit des Auſtretens den Kellnern gegenüber nur zu deut⸗ lich verrieth, ſo war der Wirth, der biedere dicke Schroth, ſpäter mein väterlich wohlwollender Freund, bereits entſchloſſen, mich unter Verzicht auf die mehrtägige Zeche einfach vor die Thüre ſetzen zu laſſen. Ich hatte mich naiver Weiſe in das Fremdenbuch als Student aus Gießen eingeſchrieben, und das war denn doch wahrlich in den damaligen Zeitläuften gar keineAdreſſe. Nur die Intervention ſeines gerade ebenfalls als Flüchtling bei ihm logirenden Landsmannes aus Kirn, des als badiſcher Freiſchaaren⸗ führer von 1848 auch in weiteren Kreiſen bekannten Fr. Doll, der durch Hecker und Struve meinen Namen und meine politiſchen Antecedentien kannte, hielt ihn davon ab. Er hat mir Das ſpäter, nachdem mein pecuniärer und moraliſcher Credit bei ihm feſtgeſtellt war, ſelbſt öfter lachend erzählt und ich habe dem Andenken des wackeren jovialen Mannes eine aufrichtige Thräne gewidmet, als ich hörte, daß er während der letzten Belagerung beim Austritt aus dem Hauſe durch eine Bombe hingerafft worden ſei. Er, ſelbſt ein eingewandeter ehrlicher Deutſcher und, wie wir ihn gerne nannten,Herbergsvater der deutſchen Flüchtlinge, ein blu⸗ tendes Opfer der deutſchenWiederoberung es liegt ein ge⸗ wiſſer tragiſcher Humor in dieſem beklagenswerthen Intermezzo des Straßburger Bombardements. Armer Schroth, der du uns flüch⸗ tigen deutſchen Republikanern anno 1848 und 1849 nicht nur monatelang die Zeche creditirteſt, ſondern auch in dringenden Noth⸗ fällen ſogar baarpumpteſt, du hätteſt dir damals nicht träumen laſſen, daß du als ehrſamer Rentier nach etwa 20 Jahren auf einer Straßburger Straße durch eine deutſche Kugel fallen würdeſt! Je nun, die Geſchichte bietet noch ganz andere Paradoren. Ein noch ſchlimmeres Schickſal, als die Ausquartierung aus

demRebſtöckel, hätte mir damals in Folge der ganz unverant⸗