wortlich vagen Faſſung meines Gießener Steckbriefes Seitens der Straßburger Präfectur blühen können. Da derſelbe neben dem international entſchuldbaren„Hochverrath“ auch noch auf„andere“, gar nicht ſpecificirte„Verbrechen“ lautete, ſo war für eine fremde Polizeibehörde die Möglichkeit concurrirender gemeiner Verbrechen ſelbſtredend nicht ausgeſchloſſen. Ich konnte ja neben meinen politiſchen Attentaten zugleich ſilberne Löffel geſtohlen oder kleine Kinder umgebracht ꝛc. haben. An eine derartige Deutung hatte zwar der mir ſehr freundlich geſinnte brave Criminalrichter
K. bei Unterzeichnung des von einem ſeiner Untergebenen pro stylofih
ausgefertigten fatalen Dokumentes ſicher nicht im Entfernteſten ge⸗ dacht. Aber die franzöſiſche Polizei machte mir daraufhin ernſt⸗ liche Schwierigkeiten und ich wäre ohne allen Zweifel aus Straß⸗ burg ausgewieſen, eventuell an die deutſche Grenzbehörde mit Gensd'armerie ausgeliefert worden, wenn nicht glücklicher Weiſe in dem von mir zur Entlaſtung vorgelegten„Frankfurter Journal“ ein öffentlicher Proteſt meiner Familie, ſowie mehrerer demokratiſcher Vereine meiner oberheſſiſchen Heimath erſchienen wäre, welche die amtlich ſignaliſirten„ſonſtigen“ Verbrechen zur Rettung meiner in Frage geſtellten bürgerlichen Ehre feierlichſt als „nur politiſche“ declarirten.
Der Aufenthalt in Straßburg war, ſoweit es das für mich oberheſſiſchen„Kümmeltürken“ beſonders bittere Gefühl der Ver⸗ bannung zuließ, im Ganzen ein nicht unangenehmer. Ich hatte daſelbſt gar viele Schickſalsgenoſſen, die zum großen Theil mit Geiſt und Humor begabt waren und das„faire bonne mine au mauvais jeu“ tüchtig verſtanden. Für uns galt das Wort Carl Heinzen's, das ich damals öfter citirte:„Ich hoffe es noch dahin zu bringen, daß der Ernſt des Lebens, wo er mich recht böſe an⸗ ſehen will, niemals davor ſicher iſt, vor meinem Blick in Lachen auszubrechen. In der That iſt dies die beſte Rolle, in die man ſich hineinleben kann, ſo lange man dem Schickſal oder der Welt gegenüber in der Defenſive ſteht.“
Unter den mir näher befreundeten damaligen Straßburger Mitexulanten nenne ich hier neben dem obenerwähnten Fr. Doll, den Heinzen meiner vollſten Ueberzeugung nach mit Unrecht ver⸗ unglimpft hat, Theodor Mögling, ſpäter bei Waghäuſel ver⸗ wundet und in das badiſche Zuchthaus geſperrt, die Gebrüder Hillebrand aus Gießen,(Wilhelm, inzwiſchen als praktiſcher Arzt in Spanien geſtorben, Carl, anno 49 auf ſehr romantiſche Art als gefangener Freiſchärler aus den Raſtatter Caſematten ent⸗ ſprungen, jetzt als fanatiſcher Boruſſomane und deßhalb von der ſranzöſiſchen Bevölkerung von Douay 1870 nahezu gelyncht, Pro⸗ feſſor in Florenz), Germain Metternich aus Mainz, während
16
1


