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nach herzlichem Abſchied von meinen Begleitern an der Seite eines ortskundigen Führers die Nacht durch zu Fuß auf lauter Neben⸗ wegen bis zur nächſten zi ſenbahnſtation nach Mainz, wo ich bei meinem unvergeßlichen, inzwiſchen früh verſtorbenen Freunde, dem Weinwirthe Wendelin Kempf, einer ächten Mainzer jovialen Natur und einem opferwilligen Demokraten, für einige Tage gaſtfreie Auf⸗
nahme unter Beobachtung der erforderlichen Discretion fand. Als wir eines Abends in einem benachbarten Bierhauſe ſelbander unſern Schoppen tranken, kam gerade die neueſte Nummer des„Frank⸗ furter Journals“ von der Poſt herein. Einer der Stammgäſte ergriff das Blatt zuerſt, und als er, in das Innere blickend, aus⸗ rief:„Hol' mich der Henker! Da ſind ſie ja auch ſchon wieder hinter dem F.!“„Was für ein F.?“ war die Frage.„Ei, ihr wißt doch, der Gießener Stude t, der ſich im„deutſchen Zuſchauer“ mit unſren Kreisräthen und dem Miniſterium du Thil ſo herum⸗ geſchlagen hat. Hier ſteht ſein Steckbrief wegen„Hochverraths und andrer V zerbrechen“! Das iſt mir eine ſaubre Rubrik; da könnte man ja zur Noth denken, er hätte neben ſeinen po kitiſchen Ge⸗ ſchichten auch nics kleine Kinder umgebracht, ſilberne Löffel ge⸗ ſtohlen oder Dergleichen. Schade für den jungen Menſehent Denn ſeine Carrière iſt nun gemacht!“ Natürlich ſpitzten wir Beide die Ohren. Nachdem einige Zeit verfloſſen, flüſterte ich meinem Nach⸗ bar zu, mir einmal in unſcheinbarer Weiſe das Journal, das nicht mehr geleſen wurde, herüberzuholen. Es galt meiner jugendlichen Eitelkeit, über die ich jetzt noch lachen muß, hauptſächlich darum, zu ſehen, ob in dem Signalement mein mühſam erzieltes Schnurr⸗ und Knebelbärtchen criminalamtlich als exiſtirend anerkannt oder gar als latent ignorirt worden ſei. Zu meiner großen Beruhigung fand ich die Rubrik: Bart:„blond und ſchwach“! Das fatale Hochverrath und ſonſtige Verbrechen“ genirte mich zwar der Po⸗ lizei des Auslandes gegenüber, aber die Exiſtenz des, wenn auch „ſchwachen“ Bartes war doch ofſiciell zweifellos conſtatirt. O welche kindliche Schwächen hat doch manchmal ein ſo⸗ burſchikoſer Welt⸗ verbeſſerer!
Daß natürlich nach ſo öffentlicher Proſcription meines Bleibens in Mainz nicht mehr war, verſtand ſich von ſelbſt, und ſchon am folgenden Morgen beſtieg ich das Rheindampfboot, zunächſt nach Cöln und Lüttich zu, um nach Antwerpen zu fahren. Unterwegs änderte ich plötzlich meine Route, da mich ein nationales Heimweh es vorziehen ließ, die deutſchredende alte Reichsſtadt Straßburg aufzuſuchen, wo ſich zur Zeit mehrere mir befreundete politiſche Flüchtlinge aufhielten.


