II. Politiſches.
Ein charakteriſtiſches Zuſammentreffen fügt es, daß ich dieſen, die politiſchen Reminiscenzen behandelnden zweiten Theil meiner Gießener Studentenbilder, ſo zu ſagen, unter dem Geläute der Todtenglocken für jenen mir ſtets beſonders ſympathiſchen Dichter zu ſchreiben beginne, deſſen packende ſtürmiſche Lieder wie ein zünden⸗ der Blitz in meine bis dahin noch politiſch harmloſe akademiſche Jugend fielen,— an dem Begräbnißtage Georg Herwegh'’s. Er mit ſeinem unvergeßlichen„Raum, ihr Herr'n, dem Flügelſchlag einer freien Seele!“ gab dem unklaren Drange, der damals in mir lebte, zuerſt beſtimmten poetiſchen Ausdruck, der durch das ſpätere Studium L. Börne's kritiſch ergänzt wurde. Ich wußte faſt alle ſeine Verſe auswendig; habe ich doch ſogar den einzigen in Gießen vorhandenen Pfeifenkopf mit ſeinem Porträt damals meinem jetzt poſtaliſchen Vetter W. mühſam abgehandelt und gar tendenziöſe Rauchwolken daraus emporgeblaſen. Noch heute hat ſeine burſchi⸗ kos ritterliche Perſönlichkeit,— er war ſo recht eigentlich ein idealiſtiſcher„Student der Politik“— an deren Verehrung mich ſ. Zt. ſelbſt die infam erlogene Spritzleder⸗Perſiflage niemals irre machen konnte, für mich den alten Nimbus. Um ſo mehr, als er Einer der Wenigen iſt, die mitten in der allgemeinen Fahnenflucht und erfolggeblendeten Ueberläuferei dieſer Tage dem alten ſchwarz⸗ rothgoldenen Banner der über der nationalen Einheit nicht zu ver⸗ geſſenden Freiheit unentwegt treu geblieben ſind. Er, der das »soyons amis, Cinna!“ Friedrich Wilhelm's IV. ſo charaktervoll zurückwies, iſt niemals Hofrath geworden, wie ſeine Parnaß⸗Collegen
Dingelſtedt und H. Laube, oder Profeſſor u. dgl., wie der pathetiſche Reichs⸗Barde E. Geibel. Auch nicht einen Moment des politiſchen Abfalls und der Schwachmüthigkeit hat ſeine bewegte Geſchichte zu verzeichnen, Selbſt nach dem„glorreichen“ Kriege
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