Druckschrift 
Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
Seite
52
Einzelbild herunterladen

52

von 1870, deſſen Pulverdampf ſo Viele berauſcht hat, blieb ſein politiſcher Wahlſpruch jener für mich unvergeßliche Vers:

Einheit des Rechtes iſt kein Schild, Der uns bewahrt vor Unterdrückung; Nur wo als Recht das Rechte gilt, Wird ſie zum Segen, zur Beglückung. Nur dieſe war's, die wir erſtrebt,

Die Einheit, die man auf den Namen Der Freiheit aus der Taufe hebt; Doch Eure ſtammt vom Teufel. Amen!

Freilich iſt jetzt die Zeit der rechnungtragendenRealpolitik, welche die Marquis Poſa's ſolchen Genre's alsſonderbare Schwärmer vornehm belächelt, und des Dichters und mein eignes gemeinſames Ideal der deutſchen Republik muß vorerſt noch für kommende Generationen an die Wolken geſchrieben werden. Sei es! G. Herwegh war der politiſche Tyrtäus meiner Gießener Studentenzeit, der alle Dem, was unklar in mir ſich bewegte, den plaſtiſchen Ausdruck verlieh, und unter pietätvoller Anrufung ſeines mit ſchreiendem Unrecht vielgeſchmähten Namens beginne ich daher den revolutionären Theil meiner ſtudentiſchen Jugenderinnerungen.

Der Keim für meine ſpätere oppoſitionell⸗agitatoriſche Thätig⸗ keit, die mich bis zu ſteckbrieflicher Verfolgung, in das Exil, das Correctionshaus und zur akademiſchen Relegation bringen ſollte, lag ſchon in meiner Kindheit. Noch während ich in die heimiſche Candidatenſchule ging und ſpäter als Gymnaſiaſt in den Ferien pflegte ich, alle möglichen lateiniſchen, griechiſchen und hebräiſchen Lexika und Schriftſteller um mich aufgeſpeichert, in der Wohnſtube an einem kleinen Tiſchchen zu arbeiten. Meine verwittwete Mutter, eine höchſt intelligente, dabei ſehr ſparſame, thätige Frau, betrieb mit beſtem Erfolge das Färbereigeſchäft des früh verſtorbenen Vaters fort und die Bauern der Umgegend, welche uns dasZeug zum Färben brachten, kamen ſelbſtredend nur an den zweiNantstagen der Woche, wo ſie zu dem in dem Nachbarſtädtchen N. wöhnhaften Herrn Kreisrath auf unſer Rathhaus gehen mußten. Natürlich ver⸗ handelten ſie da bei uns ſehr lebhaft und eindringlich über ihre verſchiedenen Beſchwerden, für die ſie nach damaliger leidiger Praxis kaum amtliche Abhülfe erhoſſten, und da ſie mich, obwohl ich, wie ſie wußten, nur Theologie ſtudiren wollte, doch der vielen um mich her aufgeſtapelten dickenWälzer halber für einen em⸗ bryoniſchenhalben Advokaten hielten, ſo fragten ſie mich häufig um Rath, den ich ihnen mit der ſelbſtbewußten Miene eines alt⸗ klugen Knaben, übrigens auch mit wärmſtem natürlichem Intereſſe für ihre oft gar naip erörterten Angelegenheiten, ſehr gerne ertheilte.