Ohne alle Kenntniß des geltenden jus und der praktiſchen Ver⸗ hältniſſe unſrer Adminiſtration, folgte ich dabei nur meinem natür⸗ lichen Rechtsgefühl und gab ihnen manches Gutachten, fertigte auch manchen Entwurf zu einer Vorſtellung aus,— Alles gratis, wie ich zur Verhütung von Mißverſtändniſſen ausdrücklich beifüge — die den Leuten gar oft mehr geſchadet, als genützt haben mögen. Wenigſtens kratzten ſich gar Viele, wenn ich das nächſte Mal nach dem erzielten Reſultate fragte, ſeufzend hinter den Ohren und wußten nicht genug von der Willkür des Herrn Kreisraths zu erzählen, der ſie mit barſchem Uebermuth behandle, wie„Schuh⸗ lumpen“. Dieſe Beſchwerden mögen nicht immer gerechtfertigt ge⸗ weſen ſein,— wer kann es bei beſtem Willen allen unſern ob⸗ ſtinaten, für Belehrung meiſt ſchwer zugänglichen Bauern recht machen?— in der Regel aber waren ſie es, wie ich mich jetzt noch recht gut entſinne, und die rückſichtsloſe Inſolenz, womit unſre Bauern von ihrem kreisräthlichen„Paſcha von 3 Roßſchweifen“, wie ich ihn ſpäter nannte, abgefertigt wurden, konnte unter keinen Umſtänden gebilligt werden. Genug, von dieſer Zeit an ſog ich einen unauslöſchlichen tiefen Haß gegen unſre, ohne alle Zwiſchen⸗ behörde nur dem Miniſterium direkt unterſtellte, faſt ganz ſouverän ſchaltende Verwaltungs⸗Büreaukratie ein, der bei meiner heißblü⸗ tigen Natur nothwendig ſpäter zum öffentlichen Ausdruck kommen mußte. Ein Sohn des Volkes und mitten unter ihm aufgewachſen, habe ich es trotz ſeiner mir wohlbekannten egoiſtiſchen Schwächen und vorurtheilsvollen Verkehrtheiten doch wegen des im Grunde geſunden inneren Kernes immer wie meine Familie en gros geliebt und hege heute noch den auflodernden Grimm meiner Jugend gegen die hochfahrenden Mandarinen vom blauen, rothen und gelben Knopf, die es hinter ihrem grünen Tiſche mißhandeln. War ich durch ſolche Jugendeindrücke zu oppoſitioneller Kritik ſchon disponirt, ſo verließ ich das Gymnaſium zu B. döch, abgeſchen von meiner natürlichen Vorliebe für die republikaniſchen Staatsformen des klaſſiſchen Alterthums, ohne auch nur die geringſten Anfänge eines einigermaßen beſtimmten politiſchen Programms. Dazu mochte freilich der merkwürdige Umſtand gar viel beigetragen haben, daß wir in der, von dem geiſtvollen Doctor Z. vorgetragenen Geſchichte — ob durch Zufall oder zufolge höherer Weiſung, vermag ich nicht zu entſcheiden— nie weiter, als bis zu Joſeph II. von Oeſtreich gelangten. Von da an war für uns„die Welt mit Brettern zu⸗ genagelt“. Die Geſchichte der großen franzöſiſchen Revolution, welche alle europäiſchen Verhältniſſe mehr oder minder umge⸗ ſtaltete, des napoleoniſchen Kaiſerreichs, des ſogenannten Freiheits⸗ kriegs, der Pariſer Julirevolution und ihrer Conſequenzen, blieb uns officiell gänzlich unbekannt, und was ich damals
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