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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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davon wußte, beſchränkte ſich auf einzelne, hier und da durch Privatlectüre aufgeſchnappte dürftige Bruchſtücke. Ja ſelbſt in meiner unmittelbar vor dem Abgang gehaltenen Actusrede über das für einen jungen Menſchen von 17 ½ Jahren ſonderbar ge⸗ wählte Thema: Wie war es vor 60 Jahren und wie wird es in 60 Jahren ſein? einer Stylübung, die mir, wegen meiner etwas frivolen Spöttereien über die mit den Reſten ſeiner ver⸗ lorenen Souveränetät ſpielende liliputaniſche Gerngroß⸗Wirthſchaft des dortigen fürſtlichen Hofs die ſcharfe Correctur des ergrimmten verdienſtvollen Directors und beinahe zu guter Letzt noch Carcer⸗ ſtrafe zuzog ſelbſt in dieſem ſorgfältig aufbewahrten Schrift⸗ ſtück, das an gewiſſen verfänglichen Stellen durch die rothe Dinte der magiſterlichen Cenſur einen ſehr bunten Anblick bietet, findet ſich auch nicht die geringſte Anſpielung auf irgend welche wünſchens⸗ werthe politiſche Umgeſtaltung der Zukunft. Und eine ſolche hätte doch gewiß ſehr nahe gelegen. Ich bezog die Univerſität als voll⸗ ſtändig intacte politiſche Jungfrau. Dieſer naive Indifferentismus, der ſich überwiegend um die griechiſch⸗römiſche Vergangenheit, aus Mangel an gebührendem Unterricht aber ſehr wenig um die moderne deutſche Gegenwart kümmerte, dauerte nach meiner Ankunft in Gießen freilich nicht lange. Die erſten Anregungen boten mir nach letzterer Richtung die mit ſehr häufigen, durchweg ſarkaſtiſchen politiſchen Zwiſchenbemerkungen gewürzten Vorleſungen des Pro⸗ feſſors J. Hillebrand über die neuere deutſche Nationalliteratur. Dazu kamen die Gedichte Herwegh's, die mich wahrhaft in Flammen ſetzten, einige mit lüſterner Gier verſchlungene verbotene Broſchüren Karl Heinzen's, den ich trotz ſeiner mitunter höchſt flegelhaften und verrannten Einſeitigkeiten als unläugbar bedeutendes Talent und einen in ſeiner ſtarren Conſequenz höchſt achtungswerthen Charakter heute noch hochſchätze. Was aber nach ſolchen Vorgängen bei mir dem Faſſe den Boden ausſchlagen mußte, das war die ganz zu⸗ fällig an mich herangetretene Lectüre der unſterblichen Pariſer Briefe Ludwig Börne's. Ein geiſtesverwandter Jugendfreund und

Gymnaſialgenoſſe, der jetzige Eiſenbahn⸗Ingenieur F. R. in W., dem wir wegen ſeines etwas weiblich zierlichen, oft gar ängſtlichen Weſens den charakteriſtiſchen Spitznamendie Lady beigelegt hatten, wußte ſich die bundestäglich ſelbſtredend verbotenen beiden

Bände heimlich zu verſchaffen, über welche wir natürlich mit wahrem Heißhunger und Entzücken herfielen. Jeden Abend trafen wir auf ſeinem Zimmer zuſammen, wo von ihm ein höchſt harm⸗ loſer äſthetiſcher Thee gebraut wurde. Ich mußte, bei verſchloſſenen Thüren, unter genauer Einhaltung der Reihenfolge, Brief für Brief vorleſen und es iſt mir heute noch unvergeßlich, daß, als ich, mitten im Sommer bei offenen Fenſtern, einige beſonders packende Stellen