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mit größtem Feuer laut vorttug, er in größtem Schrecken die Fenſter verſchloß und mir zurief:„Aber R., wie kannſt Du ſo Etwas nur in ſolchem Tone leſen? Wenn das draußen auf der Straße ein Gensd'arm gehört hätte, ſo könnten wir ja gleich morgen arretirt werden!“ Ich lachte ihn aus, obgleich ich ihm zugeben mußte, daß bei ſo polizeiwidriger Lectüre eine gewiſſe Vorſicht allerdings geboten ſei. Das waren gemeinſame Abendſtunden, die wegen des tiefinnerſten Genuſſes, den ſie uns Beiden boten, aus meinem Gedächtniſſe bis in das ſpäteſte Alter nicht mehr zu ver⸗ wiſchen ſind. Von da an war ich erklärter Republikaner und das verpönte„Fürſten zum Land hinaus!“ mit dem urkomiſchen:„Reuß⸗ Greiz⸗Schleiz⸗Lobenſtein jagt in ein Mausloch'nein!“ war im kleinen Kreiſe einiger wenigen akademiſchen Geſinnungsgenoſſen längere Zeit mein Leiblied. Börne iſt heute noch mein Liebling, wie damals, und ſein Bild nach Oppenheim mit dem Grabmal auf dem père Lachaise hängt in meinem Wohnzimmer an dem Ehrenplatze, darunter das des charaktervollen„Alten von Königs⸗ berg“, Johann Jacoby's, mit ſeiner eigenhändigen Namensunter⸗ ſchrift. Dieſe Männer, merkwürdiger Weiſe Beide iſraelitiſcher Abſtammung, für mich die achtungswertheſten politiſchen Deutſchen, die es in der modernen Gegenwart nur gibt, gehören ſicherlich zu⸗ ſammen. Und es hat meinem Humor eine nicht geringe Genug⸗ thuung verſchafft, daß ich einſt meinen iſraelitiſchen Hausherrn, der bei mir über einen gewiſſen Judenhaß Andrer klagte, auf die beiden bevorzugten Bilder hinweiſen konnte mit der lakoniſchen Bemerkung:„Sehen Sie, dieſe Zwei, die da hängen, ſind Beide von„Unſere Leut'“, der Obere iſt getauft, der Untere nicht. Es ſind aber zwei Kerle, wie es für mich keine beſſeren gibt.“ Worüber mein beſagter Hausherr mit höchſt geſchmeicheltem esprit de corps behaglich ſchmunzelte.—
Den erſten Anlaß zu meinem politiſch journaliſtiſchen Her⸗ vortreten bot, wie das ja gar oft geſchieht, ein reiner Zufall. Irgend eine, mir nicht recht mehr erinnerliche Familien⸗Angelegen⸗ heit rief mich mitten im Curſe auf einige Tage aus der Univer⸗ ſitätsſtadt nach meinem heimathlichen Krähwinkel. Etwa acht Tage vorher hatte daſelbſt eine neue Abgeordneten⸗Wahl für die zweite Ständekammer ſtattgefunden, und der Sohn des regierenden Kreis⸗ 4 raths S.) ein ſehr intelligenter und wiſſenſchaftlich gebildeter junger Gerichtsbeamter, aber verbohrter Rabuliſt und Ultramontaner, war, 86 im Gegenſatze zu der öffentlichen Meinung des Wahlkreiſes, in Folge der unverſchämteſten Umtriebe des kreisräthlichen Vaters, die ſich ſogar bis zur cyniſch rückſichtsloſen blanken Bezahlung des Eſſens und Trinkens für die willigen Wahlmänner an den Gaſt⸗ SaueV wirth verſtiegen, mit ziemlich ſtarker Majorität aus der Urne her⸗ 8
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