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vorgegangen. Die Entrüſtung über eine ſo eklatante Wahlcorrup⸗ tion war unter der Bürgerſchaft eine allgemeine. Mein Oheim, Mitglied des Gemeinderaths und einer der Führer der communalen, wie auch politiſchen, freilich damals ſehr zahmen Oppoſition, klagte mir bitter ſein Leid über den fraglichen Scandal.„Ei, was ſeid ihr für Leute?“ rief ich ihm ſelbſt indignirt entgegen.„Warum benutzt ihr nicht die Preſſe, um euren gerechten Beſchwerden über ſolche eklatante Geſetzwidrigkeit öffentlichen Ausdruck zu verleihen?“ „Da haſt du gut reden“, ſeufzte mein Oheim.„Wir haben ſchon an zwei größere Zeitungen der auswärtigen Nachbarſchaft eingehende Artikel mit Anführung von Thatſachen, welche unſre Zeugen zu beſchwören bereit ſind, und unter Erbieten unſrer perſönlichen ge⸗ richtlichen Haftbarkeit eingeſandt.“(Ich erinnere mich ganz beſtimmt, daß das Frankfurter Journal, das geleſenſte Blatt unſrer Provinz, darunter war.) Die Sache iſt aber an keinem Orte aufgenommen worden, weil ſich die Redactionen vor den Chikanen der Regierung fürchten.“ In der That übte das damalige reactionäre Miniſterium du Thil, das alle Maßregeln ſeiner ihm direct unterſtellten Ver⸗ waltungs⸗Satrapen quand mème zu decken pflegte, auf faſt die ganze Preſſe des Landes und der Umgegend einen nahezu terro⸗ riſtiſchen Druck aus.„Nun,“ erwiederte ich unbedenklich,„da will ich mich einmal für euch ins Geſchirr werfen. Ich kenne ein junges radikales Blatt, das ſich von der Regierungspolizei keinen Kapp⸗ zaum anlegen läßt. Es iſt Guſtav Struve's„Deutſcher Zuſchauer“ in Mannheim. An Den ſchicke ich einen Artikel, der ſich gewaſchen haben ſoll, und du wirſt ſehen, er nimmt ihn mit Haut und Haaren auf.“ Geſagt, gethan. In einem kleinen Nebenſtübchen des oberen Stockes, an dem ich ſpäter als an der Wiege meines für mich ſo folgenſchwer gewordenen politiſchen Journalismus nie ohne ſehr gemiſchte Gefühle vorübergehen konnte, ſchloſſen wir Beide uns ein und ich warf alle erforderlichen Notizen über die einſchlagenden einzelnen Thatſachen und die dafür vorhandenen zuverläſſigen Zeugen ausführlich auf das Papier. Da es ſich dabei für mich nicht etwa um einen vom Zaun zu brechenden Zeitungskrakehl, ſondern um den ernſtlich entrüſteten Ausdruck des auf das Gravſte verletzten politiſchen Rechtsgefühls meiner Heimathsgenoſſen handelte, ſo ging ich bei Sammlung meines Materials mit größter Gewiſſenhaftig⸗ keit zu Werke. Noch an demſelben Tage arbeitete ich das Ganze daheim zu einem größeren geharniſchten Artikel aus, worin ich in der mir damals und ſpäter noch eignen ſcharfen, etwas burſchikos derben Sprache, unter entſprechenden Streiflichtern auf das Treiben unſrer heſſiſchen Verwaltungsbehörden überhaupt, ſämmtliche Vor⸗ gänge bei der Landtagswahl meiner Vaterſtadt, welche einen ſcan⸗ dalbſen Mißbrauch der Amtsgewalt Seitens des zugleich als Wahl⸗


