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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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commiſſär fungirenden väterlichen Kreisraths conſtatirten, ſchonungs⸗ los enthüllte. Dieſer für die damaligen Verhältniſſe höchſt kecke Angriff gegen die allmächtige Büreaukratie, obſchon aus der Feder eines ihm zur Zeit noch perſönlich unbekannten, kaum 20 jährigen Studenten gefloſſen, war für Guſtav Struve natürlich Waſſer auf die Mühle. Der Artikel erſchien ohne den geringſten redactionellen Cenſurſtrich von-⸗Anfang bis zu Ende wortgetreu in der nächſten Nummer desDeutſchen Zuſchauers. Die Senſation, die der⸗ ſelbe und zwei weitere, ihm als Ergänzung nachfolgende im ganzen Lande hervorriefen, war bei der ſo zu ſagen ſtillſchweigenden, d. h.

r.

unerwartete. Faſt Jedermann geſtand, der Verfaſſer, über deſſen ungeahnt jugendliche Perſönlichkeit man ſich die Köpfe zerbrach, habe in der Hauptſache vollkommen Recht. Das Gleiche ſei ſchon da und Aehnliches dort vorgekommen. In der zweiten Kammer, ſogar wurde die Sache öffentlich zur Sprache gebracht. Die Nach⸗ frage nach der betreffenden Nummer war ſo ſtark, daß Struve ungeſäumt einen Separatabdruck veranſtaltete, der in mehreren Tauſenden von Exemplaren überall verbreitet wurde. Die Zahl ſeiner Abonnenten in Heſſen wuchs mit einem Schlage ſo enorm, daß er mir nicht nur in einem beſondren Briefe für meine ſo er⸗ folgreiche Mitwirkung dankte, ſondern mir auch ſofort Honorar anbot. Meine noch gar naive journaliſtiſche Jungfräulichkeit war über dieſe für einen routinirten Fachmann am Ende ganz ſelbſt⸗ verſtändliche Offerte, welche mir meine nur die Sache im Auge habende volle Unabhängigkeit zu gefährden ſchien, dermaßen ent⸗ rüſtet, daß ich heute noch darüber lachen muß. Ich ſchrieb an Struve einen längeren Brief, worin ich mich unter Anführung meiner nahezu kindlichen Motive gegen ſeineZumuthung feier⸗ lichſt verwahrte und im etwaigen Wiederholungsfalle mit Einſtellung meiner in Ausſicht genommenen weiteren Beiträge drohte. Struve entſchuldigte ſich ſofort bei mir. Er habe das gar nicht ſo böſe gemeint.Jeder Arbeiter ſei ſeines Lohnes werth und ich habe ſeinem jungen Blatte einen ſo bedeutenden Mohrertrag verſchafſt, daß er es für Anſtandspflicht gehalten, mir wenigſtens einen ent⸗ ſprechenden Antheil daran anzubieten. Da ich aber durchaus nicht darauf eingehen wolle, ſo habe er mir als Dedication ſeine ſämmt⸗ lichen bis dahin erſchienenen politiſchen Werke zugehen laſſen, die denn wirklich in einem heute noch von meiner Frau benutzten Kiſtchen eintrafen und mit der eigenhändigen Widmung:Seinem Mitſtreiter R. F. der Verfaſſer, ſchön gebunden in meiner Bi⸗ bliothek figuriren. Es war das eineblonde Jugendeſelei, wie Heine ſagt. Aber ſo ſehr ich ſie jetzt auch als gewiegterMenſch 8