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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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ſehern, von denen ſich jeder Einzelne, als beſonders ſtaatsgefährlich, mindeſtens durch ein eignes VierteldutzendSpione ſeiner heimath⸗ lichen Regierungüberwacht glaubte, halfen alle Betheuerungen meiner Unſchuld und Berufungen auf meine notoriſche Vergangen⸗ heit Nichts, bis es mir endlich gelang, nicht nur mein Alibi ganz unzweifelhaft zu beweiſen, ſondern auch durch perſönliches Erſcheinen des liebenswürdigen Malers die ſehr nahe liegende Wahrſcheinlich⸗ keit einer Verwechslung ad oculos zu demonſtriren. Daß ich für einReptil gehalten werden könnte, hätte ich mir wahrlich nie⸗ mals träumen laſſen, ob auch die Reptilien damals anders hießen. Je nun,die Unſchuld muß viel leiden!

In einer andern mir befreundeten deutſchen Familie legte ich in einigem Gegenſatze zu meinem jetzigen, von der Redaction derNeuen Heſſiſchen Volksblätter nicht getheilten Standpunkte in dieſer Frage als akademiſcherTeutone eine von uns in Gießen gezeichnete Karte des 1848 erträumtendeutſchen Reiches vor, worauf auch Elſaß⸗Lothringen, als altes, uns ſeiner Zeit von Ludwig XIV.geſtohlenes deutſches Land, ſchwarzrothgold ſtatt blauweißroth umpinſelt war. Die lieben Leute, die zwar deutſch ſprachen und dachten, aber politiſch ganz franzöſiſch fühlten, lachten mir ob dieſer geographiſchen Phantaſie⸗Malerei einfach ins Geſicht. Sie ſind ein rechterdeutſcher Träumer und Narr, ſo antwortete mir Einer,wenn Sie glauben, wir Elſäßer, die wir mit Frank⸗ reich die glorreichen drei Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 durchgemacht und ihnen, ohne die auch Ihr da drüben noch im feudalen Mittelalter ſtäcket, alle modernen Rechts⸗Errungenſchaften zu verdanken haben wir hätten Luſt, eurem Deutſchland mit ſo und ſoviel Potentaten, Zoll⸗, Zunft⸗ und Polizei⸗Schranken wieder zuzufallen. Ihr Deutſchen ſeid freilich die ſchreibenden Denker, wir Franzoſen aber ſind die handelndenMacher. Bei uns exiſtirtFreiheit und Gleichheit in gewiſſem Sinne, bei euch in keinem! Und wenn mir's z. B. heute einfällt, die Aeußerung iſt nach meiner ziemlich genauen Erinnerung faſt wort⸗ getreu und war damals nur zu berechtigtkann ich mit meinem ganzen Geſchäft morgen nach Marſeille überſiedeln ohne alle Po⸗ lizeiplackerei eurer höheren und niederen Schreibergeſellen! Von dieſer, wie ich bekennen mußte, thatſächlich nicht unmotivirten fran⸗ zöſiſchenVerranntheit waren die mir näher bekannten braven Straßburger Deutſchen, die übrigens ihre Stammesverwandtſchaft uns Flüchtlingen gegenüber durch offnes Haus und offne Börſen niemals verläugneten*), nun einmal nicht abzubringen. Ich gab

*) So denke ich heute noch an unſre freudige Ueberraſchung, als bei herannahendem Winter und, wie gewohnt, knapper Caſſe in Doll's und meiner