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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Zuerſt ſuchte ich den von ächt Mainzeriſchem Rheinſchnakenhumor

ſprudelnden jovialenBummler G. Metternich auf. Unvergeßlich iſt mir eine Scene geblieben, die am erſten Abend meines Straß⸗ burger Aufenthalts in ſeiner Geſellſchaft ſpielte. Er führte mich zu dem Schützenberger'ſchen Estaminet, worin die deutſchen Flücht⸗ linge ihr Rendezvous bei dem Glaſe Bier hatten. Vor der Thüre fragte meinen Begleiter eine ſchnarrende Stimme:Nun, ſagen Sie mal, M., der F.... muß doch auch bald kommen. Ich habe ſeinen Steckbrief ja ſchon vor acht Tagen in der Zeitung geleſen, und Der kann vernünftiger Weiſe nur nach Straßburg gehen, wenn ſie ihn unterwegs nicht abgefangen haben!Ja wohl! lachte M.,Sie haben gut gerathen. Lupus in fabula da iſt er leibhaftig! Wir drückten uns ſelbſtredend ſofort collegialiſch die Hände. Der ſo nach mir fragte, war niemand Andres, als der damalige Referendar in partibus Guſtav Raſch aus Berlin, der ſpäter ſo bekannt gewordene politiſche Feuilletoniſt und kokette Freund Garibaldi's, Gambetta's, Caſtelar's und ſonſtiger revo⸗ lutionärer Notabilitäten, den der boshafte P. Lindau in ſeinen harmloſen Brieſen voriges Jahr den Spaniern in ihrer monar⸗ chiſchen Verlegenheit als König anempfahl. Je nun, wenn ſie aus dem ſchlechten Witze Ernſt gemacht hätten, ſo würde dieFeder Raſch jedenfalls noch weit beſſer, als derSäbel Serrano u. A., geweſen ſein.

Ich wurde mit der Zeit in mehrere deutſche Bürgerfamilien eingeführt, worunter ich namentlich der liebenswürdigen des Bier⸗ brauereibeſitzers Schützenberger mit ganz beſonderer Pietät gedenken muß. Der mir befreundete Sohn deſſelben, der talentvolle und inzwiſchen zu ganz reſpectablem Rufe gelangte Maler Louis Schützen⸗ berger, ſah mir in Statur und Geſichtsform, auch imimpertinent blonden Haarwuchs ſo ähnlich, daß ich bei meiner erſten Incog⸗ nito⸗Heimkehr ſeinLaisscz-passer mit oberflächlichem Signale⸗ ment als Legitimation der deutſchenheiligen Hermandad gegen⸗ über für mich benutzte. Unſere Aehnlichkeit war für jeden nicht näher Bekannten ſo frappant, daß, nachdem ihn einer unſerer deutſchen Flüchtlinge eines ſchönen Tages in künſtlerartigem elegan⸗ tem Anzuge, mit der Reitpeitſche in der Hand, in denjardin Lips eintreten geſehen, eine förmliche Vorladung vor eine Art politiſcher Vehme gegen mich erfolgte. Von meinen mißtrauiſchen Exilge⸗ noſſen wurde dieſes wohlhabenden Doppelgängers halber gegen mich geradezu die Anklage erhoben, ich ſei ein bezahlter agent provocateur, der ſichgegen fernerweite gute Verköſtigung, wie Carl Buttervogel an die alte Jungfer in Immermann'sMünch⸗ hauſen, an das heſſiſche Miniſterium Jaupverkauft habe! Bei dieſen ſich ſelbſt überſchätzenden politiſchen Geſpenſter⸗

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