.— 116—
4. Ich rekapitulirte die famoſen„zwölf Artikel der Bauerſchaft“ mit dem Nachweiſe, daß die wenigſten der damaligen Forderungen heutzutage erfüllt ſeien, ſodaß die Bauern am Ende hier und dort, namentlich in den randesherrlichen Bezirken, meiſt noch berech⸗ tigt erſchienen, das alte Banner des„Bundſchuh's“ wieder zuzerheben. Da viele der Anweſenden gräfliche und freiherrliche Unterthanen waren, ſo erntete ich natürlich für meinen gemeinverſtändlichen ge⸗ ſchichtlichen Excurs ſtürmiſchen Beifall. Ueber die ſpätere Weiter⸗ entwicklung der Dinge in Gießen laſſe ich die löbliche Oberpoſt⸗ amtszeitung reden, die übrigens ſehr tendenziös sub Gießen, 26. September, berichtet:.
„Die Aufregung hatte ſich gelegt. Da kömmt der Student F., die Seele der Demokratie in Oberheſſen, ein wirklich unermüd⸗ licher Agitator, an, der während der Verhaftungen nicht hier war, läßt durch die Schelle eine Volksverſammlung berufen und ſpricht in ihr, unter fortwährender Verhöhnung des Miniſteriums, der Regierungscommiſſion, des Hofgerichts u. ſ. w. offen aus:„er würde, wäre er zugegen hendeß ſen, ebenſo gehandelt haben, wie die verhaf⸗ teten Freunde(d. h. a alſo zum Aufſtande, zur Ergreifung der Waffen und zum bewaffneten; Zuzuge aufgefordert haben). Die Verhaftung ſei nur ein Verſuch der Reaction; man wolle die Demokratie unter⸗ drücken.„Ergreift das Damoklesſchwert, das über eurem Haupte hängt, und kehrt es gegen eure Gegner, zerſchneidet die Schlinge, die euch um den Nacken gelegt wird, und werft ſie der Reaction um den Hals!“ Dann eben nicht ſchmeich helhafte Erinnerung an die Centralgewalt und die Nationalverſammlung, Spott auf die hieſige Bürgergarde. In wenigen Tagen werde das Volk überall ſich erheben, alle Kerker geſprengt, die jetzigen Kerkermeiſter hineinge⸗ ſtoßen, Volksjuſtiz geübt werden u. ſ. w.(Wahrſcheinlich ein Hin⸗ weis auf den gleichz eitigen Struve'ſchen Aufſtand in Baden, d. V.) „Ueber die Bravo's einer gewiſſen Claſſe brauche ich Nichts hin⸗ zuzuſetzen,— eine große Aufregung war die Folge. Wird die Centralgewalt nun noch vor umfaſſenden Maßregeln zurücktreten, die Deutſchland vor der leider ſchon hereinbrechenden Anarchie be⸗ wahren können? Es iſt hohe Zeit, ſoll es nicht„zu ſpät!“ heißen.“—
Dieſes nach der Reichspolizei der Frankfurter Centralgewalt, um Hülfe rufende„Quousque tandem?!“ ſollte früher ſeine Er⸗ ledigung ſinden, als ich dachte. Am 29. September hielt ich auf dem Brand die zweite Volksverſammlung ab, worin ich zur Stellung einer Caution behuſs interimiſtiſcher Freilaſſung der verhafteten
Freunde und desfallſiger Entſendung einer Depuation an das Hof⸗
gericht aufforderte. Um einen populär ſchlagenden Beweis dafür zu geben, wie logiſch verkehrt es ſei, die veralteten politiſchen Be⸗


