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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
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115. Frankfurt in Folge der Genehmigung des traurigen Waffeenſtill⸗ ſtandes von Malmö durch die Nationalverſammlung der bekannte blutig unterdrückte Barrikadenkampf mit Vehemenz los. Dadurch wurde natürlich eine gewaltige Aufregung unter meinen Gießener Freunden hervorgerufen. Sie veranlaßten ſofort eine Volksver⸗ ſammlung in dem benachbartenPhiloſophenwald, worin zu unge⸗ ſäumtem bewaffnetem Zuzuge nach Frankfurt aufgefordert wurde. Hauptredner waren A. Becker und die Studenten Leiſtner aus Sachſen und F. Bopp aus Darmſtadt, damaliger Präſident unſres republikaniſchen Vereins. Ueber das Reſultat leſe ich in der Ober⸗ poſtamtszeitung, von Gießen, 21. Septbr. datirt:Etwa 40 Be⸗ waffnete zogen aus, meiſt Turner; bei Friedberg trafen ſie aber auf heſſiſche Chevauxlegers, die ihnen die Waffen abnahmen, ihre Namen außzeichneten und ſie nach Hauſe gehen ließen. Ob letztere Thatſache richtig iſt, kann ich nicht ſagen, da ich nicht mit dabei war und meine desfallſigen Erinnerungen ſehr vag ſind. Am 23. September wurden zufolge hofgerichtlicher Verfügung Auguſt Becker, F. Bopp, Leiſtner und am Tage darauf auch H. Dernburg ver⸗ haftet und in dieBaſtille des Seltersbergs abgeführt. Die Auf⸗ regung in Gießen war eine ſo allgemeine, daß zur Beſchwichtigung der Gemüther eine Proclamation des Regierungscommiſſärs und des Gemeinderaths erſchien. Als ſich das beunruhigende Gerücht verbreitete, die Verhafteten ſollten nach Mainz in die Feſtung trans⸗ portirt werden, erſchienen öffentliche Bekanntmachungen an den Straßenecken, wonach ſienicht, wie böswillig ausgeſprengt werde, ihrem geſetzlichen Richter entzogen und nicht weggebracht werden ſollten. Als Garantie dafür machte man ſogar die Canceſſion, daß ein gleich ſtarkes Commando von der Bürgergarde die Wache

am Arreſthaus mit beziehe. Ich ſelbſt war eines ſchönen Sonntag Morgens auf dem Wege nach Oberohmen, und dort mit meinem Freunde Adolf W. und den erwarteten Gießenern eine bäuerliche 2201, Volksverſammlung abzuhalten. Kaum vor dem Städtchen draußen, traf mich ein Eilbote unſres Zeitungsverlegers C. Schild mit der. 4 Nachricht von den ſtattgefundenen Verhaſtungen und der Bitte,

ſofort nach Gießen hinüberzukommen, um einſtweilen die Redaction

desjüngſten Tags zu übernehmen. Ich hielt jedoch zuvor in

aller Ruhe die einmal abgeſprochene Volksverſammlung in dem

Walde vor Oberohmen ab, wozu ſich ein ſehr zahlreiches, faſt aus⸗

ſchließlich ländliches Publikum aus der ganzen Nachbarſchaft ein⸗

gefunden hatte. Meine Hauptrede, die mir ſpäter vor den Aſſiſen

viel zu ſchaffen machte, ſchilderte in populärer, dem Bildungsgrade

des Auͤditoriums angepaßter Weiſe die Geſchichte des Bauern⸗

kriegs, ſowie die eigenthümliche Rolle, welche unſer ſonſt ſo großer Reformator Martin Luther, ſelbſt ein Bauernſohn, dabei geſpielt.