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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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wenn aber die Kammer darauf nicht eingehen wollte, dann ſei es Zeit, das Volk ſelbſt zur Steuerverweigerung aufzufordern. Obgleich nun bemerkt wurde, daß eine Aufforderung an das Volk zur Verweigerung von den Ständen bewilligter Steuern ein Ver⸗ laſſen des geſetzmäßigen Weges ſein würde und das Beſtehen der. demokratiſchen Vereine ſelbſt gefährden könnte, ſo nahm doch ſchließ⸗ lich die Verſammlung(etwa 300 Köpfe) den Fendt'ſchen Antrag an. Dieſe, ſelbſtredend etwas revolutionär angehauchte Rede wurde in mehreren lauſenden V Exemplaren ſtark verkauft und fand eben ſo lebhaften Beifall, als heftigen Widerſpruch. Mein ein⸗ ziges eignes Exemplar, das mir ſ. Zt. nach Straßburg. nachgeſchickt wurde, habe ich leider! verlegt. Es enthielt übrigens die gewohn⸗ ten C. Schild'ſchen Druckfehler, die mir oft genug Zahnſchmerzen verurſacht haben. Das Büreau des Congreſſes beſtand aus: Pro⸗ feſſor J. Hillebrand aus Gießen als Präſident, Dr med. Weber von Gießen und Candidat R. Schlich aus Friedberg als Viceprä⸗ ſidenten, Dr. L. Büchner, Studioſus F. Bopp, Fabrikant G. Noll und Studioſus Fr. Schenck von Gießen als Schriftführern. Als Prinzip des Bezirksverbandes wurde in§ 3die Erſtrebung einer wahrhaſt demokratiſchen Staatsſorm für das engere und weitere Vaterland bezeichnet. Gießen wurde zum Vorort gewählt, d. h. einem von dem Ausſchuß der drei Gießener Vereine ernannten Be⸗ zirksausſchuß wurde die allgemeine geſchäftliche Leitung übertragen. Der Bezirksausſchuß ſollte von den einz elnen Vereinen monatlich einen Bericht über den Stand der Demokratie, ſowie die B zeiträge in die Bezirkskaſſe erhalten. Er ſelbſt hatte ihnen die B zeſchlüſſe des Centralausſchuſſes(in Berlin) und des Kreisausſchuſſes(in Frank⸗ furt) mitzutheilen, die Verbindung zwiſchen den einzelnen Vereinen, die Bildung neuer Vereine zu bezorgen u. ſ. w. Die einzelnen Bezirksausſchüſſe des ganzen Kreiſes(beſtehend aus den beiden Heſſen, Naſſau und Frankfurt) hatten mit dem vom Kreisvorort Frankfurt gewählten Kreisausſchuß in Verbindung zu treten, dieſer hatte die an den Bezirksausſchuß geſandten B Zerichte, einen Theil der Geldbeiträge ꝛc. zu empfangen und ſie dem Central⸗ ausſchuß in Berlin mitzutheilen. Dieſer Centralausſchuß ſtand an der Spitze des ganzen Verbandes der deutſchen Demokraten und leitete deſſen Gejchfte.Nauntt war die Organiſation der demo⸗ kratiſchen Partei für Oberheſſen vorerſt abgeſchloſſen. Aber die letztere ſollte gar bald durch die Ereigniſſe geſprengt werden. Ermüdet von den vielen politiſchen und ſonſtigen Strapazen der letzten Zeit, ging ich in die Herbſtferien nach Hauſe, um mich daſelbſt auszuruhen und mein vorübergehend etwas vernachläſſigtes Fachſtudium wieder gründlich aufzunehmen. Ich ſollte nur zu früh vonMuttern abgerufen werden. Am 18. September brach in