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kopf herrſchte damals ein geſellſchaftlich höchſt gemüthliches Leben, woran wir uns con amore betheiligten, und namentlich bietet mir der Verkehr mit den dortigen, zum Theil ſehr liebenswürdigen und hübſchen jungen Damen, von denen eine neckiſch muthwillige, ſchwarz⸗ äugige Duntelbrünette mir unvergeßlich geblieben iſt, eine höchſt angenehme, beziehungsweiſe heute noch etwas ſentimentale Remi⸗ niscenz. Wir waren eben fröhliche Studenten, die das Angenehme mit dem Gemeinnützigen zu verbinden wußten. Nachdem wir unſre „Reden geredet“, wurde in der Regel mit den Bürgerinnen flott getanzt und gepfänderſpielt und mit den geſinnungsverwandten „Bürgern“ tüchtig gekneipt.—
Nach allen dieſen, oft nicht wenig anſtrengenden agitatoriſchen Kreuz⸗ und Querfahrten fand behufs Gründung eines oberheſſiſchen Bezirksverbands am 2. und 3. September zu Gießen im großen Saale des Prinzen Carl ein Congreß ſämmtlicher demokratiſchev⸗ Vereine Oberheſſens ſtatt. Vertreten waren darauf folgende Vereine: 1) der deutſche Volksverein in Friedberg, 2) der Arbeiterverein daſelbſt, 3) der Volksverein in Butzbach, 4) der Volksverein in Mehlbach, 5) der Turnverein in Okarben, 6) der demokratiſche Verein in Homberg a. d. Ohm, 7) die Bürgervereine in Laubach, 8) in Ruppertsburg, 9) in Grünberg, 10) der Bürgerbund in Biedenkopf, 11) die junge Bürgergarde daſelbſt, 12) der demokra⸗ tiſche Verein in Gießen, 13) der Märzverein daſelbſt, 14) der repu⸗ blikaniſche Verein daſelbſt, 15) der Volksverein in Lich, 16) der Turnverein in Grünberg. Der vaterländiſche Verein in Büdingen und der Bürgerverein in Lauterbach, ebenſo der Abgeordnete Plitt für Gladenbach und 6 umliegende Ortſchaften waren an der Beſchickung oder vollſtändigen Beiwohnung verhindert, erklärten ſich jedoch zum
Anſchluß an den demokratiſchen Bezirksverband ausdrücklich bereit.
Aus dieſer immerhin intereſſanten allgemeinen Statiſtik erſieht man;
zur Genüge, daß die demokratiſche Partei in Oberheſſen ſtark ver⸗ breitet war. Ueber den Verlauf unſres Partei⸗Congreſſes laſſe ich hier mit einigem Humor den naͤtürlich tendenziös gefärbten Bericht der Frankfurter Oberpoſtamtszeitung folgen.„Gießen, 8. Septbr. Bei der am vorigen Sonntag hier abgehaltenen Verſammlung oberheſſiſcher Demokraten war über der Rednerbühne im Saale des„Prinzen Carl“ das Bildniß C. Vogt'’s aufgehängt, rechts und links von den Bildniſſen F. Hecker's und G. Struve's um⸗“ geben. Hauptredner war Student R. Fendt. Nächſt ihm bethei⸗ ligten ſich an der Debatte Dr. Winther und Herr Moritz Carrière, Herrn Fendt's Latera waren ſo ſtark, daß er in einem Vortrage von anderthalb Stunden den Antrag ſtellte,„wenn Herr Miniſter Jaup nicht alsbald eine coͤnſtituirende Verſammlung berufe, die Stände außzufordern, die Steuern zu verweigern(!);
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