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gar nicht dageweſene, alle Schichten der Bevölkerung aufwühlende Revolution mit durchmachen, wie die von 1848, das iſt für eine enthuſiaſtiſch ſanguiniſche Natur, wie die meine, die freilich ſchon vor den glorreichen Märztagen ſich hätte ernüchtern ſollen, ein Ge⸗ nuß, wie ſo leicht kein zweiter geboten wird. Ich befand mich in einer Art permanenten geiſtigen Rauſches, dem der Katzenjammer erſt ſpäter folgen ſollte.„Meine Herren!“ ſo ſprach ich nachher weiter vor den Darmſtädter Geſchworenen.„Denken Sie daran, daß Sie vielleicht ſelbſt in jenen Tagen, wo das Unmögliche mög— lich ſchien, Gut und Blut einzuſetzen geſchworen haben für Dinge, die man jetzt naſerümpfend als unreife Illuſionen belächelt oder gar als Verbrechen denuncirt! Und dann, wenn Sie es können, verdammen Sie mich, einen jungen Mann, welcher gleich Ihnen dieſe Dinge für Ernſt nahm und, fortgeriſſen von dem ſtürmiſchen Drange der Ereigniſſe, ſtatt mit bedächtigem Kopfſchütteln am Ufer ſtehen zu bleiben, ſich mit pochender Bruſt mitten in den brauſenden Strom der Revolution warf, der uns ins gelobte Land der Frei⸗ heit tragen ſollte und nun im Sande der Reaction vertrocknet iſt! Wenn es ſtrafbar iſt, zu jener Zeit in ſeinen Wünſchen und Hoff⸗ nungen, Reden und Gedanken über die Grenze des geſchriebenen Geſetzes gegangen zu ſein, ſo haben ſich damals mit mir deſſelben Verbrechens Leute ſchuldig gemacht, die man ausnahmsweiſe„leiden⸗ ſchaftslos“, beſonnen und„edel“ genannt hat, Männer mit grauen Haaren und in reifem Alter, die da verſprachen, auf die Barri⸗ kaden zu ſteigen, ſich zwiſchen die Bajonette zu werfen, und ſich „kühne Griffe“ erlaubten, Männer, wie der ehemalige Reichs⸗ miniſter H. von Gagern, der noch im April 1849, alſo mindeſtens ein halbes Jahr nach meinem diesmal angeſchuldigten öffentlichen Auftreten in Oberheſſen, ſich für die Revolution gegen die be⸗ ſtehenden fürſtlichen Regierungen erklärte, ja unter Umſtänden ſogar für den Convent, d. h. für die Proclamation der deutſchen Re⸗ publik und für Abſetzung und Beſtrafung der regierenden Herren von Gottes Gnaden, Männer, wie der noch jetzige Miniſter von Wydenbrugk, der im Juli 1849 den König von Hannover als einen Rebellen gegen die Nation nach England hinüberjagen, Männer, wie der ehemalige Unterſtaatsſecretär Baſſermann, der die widerſpenſtigen Fürſten„zermalmen“, wie Herr Wernher von Nierſtein, der noch im Mai 1849 mit uns für die Reichsver⸗ faſſung gegen die Regierungen kämpfen wollte. Alles Das war von dem Standpunkte des heute wieder proclamirten alten Rechts Hochverrath, Aufruhr und Majeſtätsbeleidigung! Sie finden es trotzdem bei jenen gereiften beſonnenen Männern unter den da⸗ maligen Verhältniſſen nicht allein verzeihlich, ſondern ſogar ehren⸗ voll. Und mich ſollten Sie verurtheilen, einen allerdings nicht


