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von dieſen gnädigen Herren ertragen, namentlich durch die unge⸗ heuren Dienſtgelder und Beed, welche Rückſtände bei der Ueber⸗ einkunft mit dem Staat dem Fürſten alle haben nachbezahlt werden müſſen! Dadurch ſind unſre Bauern beinahe alle in Schuld und Ungeduld gekommen. In der Türkei iſt der Bauer beſſer daran unter ſeinem Paſcha, als hier unter den Fürſten und Grafen in der Wetterau. Sollen nun unſre Bauern ſich ſelber helfen oder will die neue liberale Regierung ins Mittel treten? Geben Sie uns Ihren Rath, Herr Studioſus F., was wir thun ſollen? Wir werden ihn befolgen. Denn wir wiſſen, daß Sie es mit dem armen Manne ehrlich meinen, und gehen darum lieber zu Ihnen, als zu einem Advokaten.“ ꝛc. ꝛc.
Ich habe unter meinen Actenſtücken aus damaliger Zeit noch eine ganze Reihe ſolcher ländlichen Beſchwerdevorſtellungen, zum Theil rührend naiven Inhalts. Aber die bisherige Blumenleſe mag genügen. Im Ganzen wußten unſre Bauern recht gut, wo ſie der Schuh drückte, und nahmen auch gar kein Blatt vor den Mund. Die ſtandesherrlichen Feudallaſten wurden zwar abgelöſt, das verhaßte Inſtitut der Kreisräthe etwas modificirt, d. h. nament⸗ lich durch die beigegebne Controlbehörde der ſ. g. Bezirksräthe, die aber nicht mit ausreichenden Vollmachten ausgeſtattet war, ergänzt. Aber in der Hauptſache blieb ſo ziemlich Alles beim Alten.„Es iſt die alte Geſchichte, doch bleibt ſie ewig neu.“ Bis wir in Deutſchland zu einem wahren„Volksſtaate mit dem ächten self- government und dem erprobten„Referendum“ nach Schweizer Muſter kommen, können wir noch lange warten. Vorerſt haben wir zu viel mit Kriegsrüſtungen zu thun, um uns mit der inneren Frei⸗ heit gründlich zu befaſſen. Und die famoſe Kreis⸗ und Provinzial⸗ Ordnung unſres preußiſchen Hegemonieſtaats geben wahrlich trotz aller gegentheiligen Lasker'ſchen Verſicherungen der eigentlichen Selbſtverwaltung des Volkes wenig genug Raum.„Gott beſſer's!“
Neben der Anhör und Erledigung unſrer oberheſſiſchen Bauern⸗ deputationen hatten wir auch fortwährend mit Verſorgung des Partei⸗Blattes„Der jüngſte Tag“, auf deſſen Büreau wir oft je 4—5 Stunden ſchreibend und plaudernd, in der Regel höchſt paradieſiſch decolletirt, zubrachten, ſowie auch mit Agitationsreiſen nach verſchiednen Städtchen und Dorfſchaften, die durchaus einmal eine Volksverſammlung mit obligaten Reden gehalten haben woll⸗ ten, alle Hände voll zu thun. Ich konnte damals vor lauter Schreiben, Sprechen, Audienzertheilen, Hin- und Herfahren kaum zu Athem kommen. Aber ich ſchwamm, wie der Fiſch im Waſſer, und es war mir ſo recht„wohlig“, wie's im Göthe'ſchen Liede heißt. Junger Student ſein, der noch mit luſtig herausfordernder Miene der Zukunft ins Auge blickt, und eine in ihrer Art noch


