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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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mir das damals ein Kinderſpiel geweſen. Ich brauchte gar nicht anzuregen, ſondern nur achſelzuckend und ſtillſchweigend nicht ab⸗ zurathen, ſo war bei der tiefen Verbitterung der Bauern der Teufel los. Manche fragten mich ganz treuherzig, ob ſie nicht jetzt, wo doch allgemeine Freiheit ſei, dieſem oder jenem verhaßten Beamten ungeſtraft und unbeſehenEins auf den Pelz brennen könnten? Mein conſequentes Beſtreben nun richtete ſich darauf, Alles in die geſetzlichen Bahnen zu lenken und in die Reſidenz, entweder an die zweite Kammer oder den Miniſterpräſidenten ſelbſt, zu ver⸗ weiſen. Ich ging in meiner gefliſſentlichenAbwiegelei, auf die ich heute noch ſtolz bin, ſo weit, daß mich einer der Bauern⸗De⸗ putirten zu meiner großen Erheiterung einmal mißtrauiſch fragte, ob ich denn am Ende auch mit den regierenden Herren in Darm⸗ ſtadt unter einer Decke ſtecke? Aber ich war nun einmal der Mann des öffentlichen Vertrauens und mein ehrlich gemeintes Wort ſchlug regelmäßig durch, ſodaß ich mich rühmen darf, in jenen aufgeregten Zeiten namenloſes Unheil durch meine energiſche Zwiſchenſprache vethütet zu haben. Das Volk hat ſtets einen geſunden Inſtinct und folgte meiner Parole faſt immer blindlings. Nicht mit Un recht nannte man mich damals in Gießen denRegenten von Oberheſſen, und ich habe, bei Gott dieſe meine Regentſchaft nie⸗ mals im Geringſten mißbraucht.(Die vielen Würſte, Schinken, Handkäſe und fonſtige freiwillige Naturalabgaben, welche die Bauern vor Abgang aus ihren Büchſenranzen heraus zum Dank auf den Altar des Vaterlandes ſo nannte ich ein vacantes Seiten⸗ tiſchchen niederlegten, habe ich natürlich als wohlverdienten und wohlgemeintenArbeitslohn hinterdrein mit meinem Adju⸗ tanten Adolf W. und dem hin und wieder inſpicirenden Auguſt Becker zu diverſen Schoppen Bier aus der unten beſindlichen König'ſchen Wirthſchaft con amore verſpeiſt.)

Die Petitions⸗, reſp. Beſchwerde⸗Entwürfe und Briefe meiner wackren, an manchen Orten damals wahrlich noch ſehr bedrückten Oberheſſen waren mitunter ſehr naiv, obſchon in den meiſten Punk⸗ ten nur zu ſehr berechtigt. So erinnere ich mich u. A. ganz genau, daß eine Gemeinde die Forderung ſtellte, derSchulmeiſter und derGemeinde⸗Watz(Eber) ſollten wiederauf der Reihe herum gefüttert werden. Aus den mir vorliegenden desfallſigen Acten⸗ ſtücken citire ich hier nur folgende Stellen. Ein wohlhabender Bauer aus dem Solms⸗Laubach'ſchen Dorfe Ruppertsburg ſchrieb mir u. A. vom 10. März:Das lange Wirken und thätige Auf⸗ treten Ihrer liebevollen Perſon bringt innerliche und äußerliche Neigung zu Ihnen, denn Jeder, welchem Ihr werther Name be⸗ kannt geworden, ſagt und muß mit Beſtimmtheit ſagen, daß es bloß durch Ihr thätiges Wirken und freies Auftreten eine Umgeſtaltung