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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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verhaßte kreisräthliche Inſtitut und das Miniſterium ſelbſt unter meinen Landsleuten, insbeſondere den Bauern, erworben, ſollte ich bei dieſer Gelegenheit zu meiner hohen Ueberraſchung erſt erfahren. Nachdem unſer, von Heinrich Gagern als Miniſterpräſident ge⸗ zeichnetes landesherrliches Edikt vom 6. März mit den Verheißungen von Preßfreiheit, Schwurgerichten, Volksbewaffnung, deutſchem Parlament u. ſ. w., erſchienen war, das damals als höchſt liberale fürſtlich miniſterielle Prophezeihung eines goldenen Zeitalters in Golddruck eingerahmt in faſt allen Rathhausſälen aufgehängt wurde, regte es ſich allüberall bis in das kleinſte Dörfchen in den Schluchten des Vogelsbergs hinein. Förmliche Deputationen aus einer Menge ländlicher Gemeinden der Provinz, mit den ſ. g. Büchſenranzen und Papieren beladen, erſchienen in Gießen und fragten nach dem Studenten F., der die Kreisräthe in den Zeitungen ſo ſchlecht ge⸗ macht habe. Die Treppe zu meinen beiden Manſardeſtübchen bei Wirth König war faſt 14 Tage lang vom frühen Morgen bis zum ſpäten Nachmittag von oberheſſiſchen Bauern in blauen Kitteln förmlich belagert. Ich konnte natürlich nur die eine Deputation nach der andern empfangen und ertheilte, da es gar nicht anders ging, ganz ordnungsmäßige Audienzen. Ein landsmannſchaftlicher Fuchs machte den Portier und meldete an. Als der Arbeits⸗ andrang zu ſtark wurde, nahm ich mir meinen alten, ebenfalls radikalpatriotiſchen Freund Adolf W., einen Neffen des damaligen badiſchen Parlamentariers, als Secretär und Adlatus an und ver⸗ wies ihn an einen improviſirten Schreibtiſch in meiner anſtoßenden Schlafſtube. Nach meiner Anhör der Bauern erhielt er von mir Inſtructionen und fertigte dann demgemäß unter nochmaliger de⸗ taillirter Befragung derſelben die ſtets mit meinem Viſum zu ver⸗ ſehenden Concepte der entſprechenden Petitionen an den Miniſter Gagern oder den betreffenden Abgeordneten der zweiten Kammer aus. Ich ſelbſt erledigte mittlerweiſe die harrenden Andern. Da ich in meiner ſtudentiſchen Naivetät die ſchönen Verheißungen des heſſiſchen Märzpatents als demnächſt ſicher auszuprägende baare Münze nahm, ſo bot ich natürlich Alles auf, die aufgeregten Landleute, welche zu einer neuen Auflage des weiland Bauernkriegs durchweg ſehr disponirt waren, abzuwiegeln und auf den ſtreng geſetzlichen Weg der Petitionen zu verweiſen, obgleich ſie meiſt Selbſthülfe und Lynchjuſtiz in petto hatten. Ich verwies ſie auf den neuen Miniſter Gagern, der ein ehrlich liberaler braver Mann ſei und ihren Beſchwerden gewiß jede irgend durchführbare Abhülfe ge⸗ währen werde, während ſie durch Exceſſe nur ſich ſelbſt ſchaden würden, wie ihnen ja die Geſchichte derRebellen aus dem letzten Kartoffelkriege zur Genüge beweiſe. Hätte ich nur im Geringſten Luſt zur Anfachung eines revolutionären Scandals gehabt, ſo wäre