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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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ductionen, ſondern nur packende Schlagworte wählen. Trotz des lauten Beifalls, den meine einleitende Rede von vornherein fand, regten ſich doch in der Verſammlung allerlei nachträgliche Be⸗ denken. Als dieſer und jener teutoniſche Patriot die übliche Fran⸗ zoſenfreſſerei loslegen wollte, erhob ich dagegen lebhaften Proteſt mit der Bemerkung, daß wir den Franzoſen mit ihrer Revolution von 1789 und ihren ſpäteren anſtoßgebenden Bewegungen allein die freiheitliche Fortentwicklung unſrer politiſchen Inſtitutionen zu verdanken und uns heute Abend ja zunächſt zu dem Zwecke ver⸗ ſammelt hätten, auch ihre jetzige Pariſer Februar⸗Revolution zu feiern, d. h. zugleich ins Deutſche zu überſetzen. Das ſetzte in einer kleinen Coterie patentirter germaniſcher Nationalpatrioten, die ſich als Contremine in der Nähe der Tribüne gruppirt hatten und geſpenſterſeheriſch ſchon von der drohenden Verſchluckung des linken Rheinufers durch die republikaniſchen Rothhoſen phantaſirten, einen wahren Sturm furioſeſter Entrüſtung. Ein höchſt gemäßigt

liberaler Jugendfreund von mir, der jetzige Advokat B. in G.,

ſprang, mit dem heſſiſchen Strafgeſetzbuche in der Hand, als eine Art von improviſirtem freiwilligem Staatsanwalt unter unſre aller⸗ dings ſehr ſanscülottiſche Geſellſchaft und wies juriſtiſch nach, daß unſer Vorgehen laut Artikel ſo und ſo viel ein entſchieden ungeſetz⸗ lich revolutionäres und höchſt ſtrafbares ſei. Ich lachte ihn aus. Wie könne man jetzt von den und den Paragraphen eines früheren reactionären Strafcoder reden, wo die Welt aus den Fugen ginge und ganz neue politiſche Rechtsbegriffe zu ihrer unausbleiblichen Codifikation durch die geſetzgeberiſchen Factoren hindrängten? Wenn ihn der Ausdruck, daß der Zweck unſrer heutigen Verſammlung die Feier der letzten franzöſiſchen Revolution ſei, genire, ſo wolle ich denſelben meinetwegen dahin modiſiciren, daß letztere wenigſtens die ganz unläugbare Veranlaſſung dazu geboten habe. Der Eris⸗ apfel war nun einmal von der Tribüne herabgefallen und nun trat als ſtets redefertiger Sprecher der hyperloyalen Minorität Profeſſor Moritz Carrière in den Vordergrund. Ein Mann der breiten, verwäſſernden ſelbſtgefälligen Phraſe,politiſcher Süß⸗ holzraspler nannte ich ihn damals wie es nur einen gibt. Er hatte eine höchſt ſchwülſtig-langathmige, natürlich ſehr devot⸗ unterthänige Adreſſe aufgeſetzt, worin er an die von Preußen und Rußland gegen Napoleon anno 1813(]) erlaſſene, den Deutſchen innere und äußere Freiheit verheißende Proclamation von Kaliſch anknüpfte und u. A. die auch von uns geforderte Volks⸗ bewaffnung nur zum Schutze gegen den drohenden Einfall der Franzoſen verlangte. Ganz das alte Geſchwätz waſch' mir den Rücken und mach' mich nicht naß! So ſehr ich auch gegen dieſes oratoriſche Lau de Cologne Einſprache erhob, das der ſchöngeiſtige