Druckschrift 
Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
Seite
87
Einzelbild herunterladen

für die erſte 1848er revolutionäre GießenerVolksverſammlung muß ich heute noch Thränen lachen. Und mein ſtivoler Freund Alex. Büchner hat mich oft genug mit meinen erfolgloſen pathetiſch⸗patriotiſchen Anſprachen an unſre reſüſirenden Candidaten gefoppt.

Am Abend des 28. Februar hielten wir denn im Buſch'ſchen Garten unſreVolksverlanunlung mit beſtem Erfolge ab. Struve hatte mir unmittelbar zuvor am Nachmittag die von ihm be⸗ ſchloſſene, von einer Verſammlung in Mannheim adoptirte Adreſſe

an die badiſche zweite Kammer geſchickt. Da ſie in kurzen energiſchen

Worten den berechtigten Forderungen des Volkes packenden Aus⸗ druck verlieh, ſo ſchlug ich ſie, um unnütze Diskuſſionen zu ver⸗ meiden, unter allgemeinem Applaus zur ſofortigen unverkürzten Annahme und Unterſchrift vor. Sie lautete:

Eine ungeheure Revolution hat Frankreich umgeſtaltet. Viel⸗ leicht in wenigen Tagen ſtehen franzöſiſche Heere an unſren Grenz⸗ marken, während Nußland die ſeinigen im Norden zuſammenzieht. Ein Gedante durchzuckt Europa. Das alte Syſtem wankt und zerfällt in Trümmer. Aller Orten haben die Völker mit kräftiger Hand die Rechte ſich ſelbſt genommen, welche ihre Machthaber ihnen vorenthielten. Deutſchland darf nicht länger geduldig zu⸗ ſehen, wie es mit Füßen getreten wird. Das deutſche Volk hat das Recht, zu verlangen:

Wohlſtand, Bildung und Freiheit ſür alle Claſſen der Ge⸗ ſellſchaft, ohne Unterſchied der Geburt und des Standes!

Die Zeit iſt vorüber, die Mittel zu dieſen Zwecken lange

zu berathen. Was das Volk will, hat es durch ſeine geſetzlichen Vertreter, durch die Preſſe und durch Petitionen deutlich genug ausgeſprochen. Aus der großen Zahl von Maßregeln, durch deren Ergreifung allein das deutſche Volk gerettet werden kann, heben wir hervor:

1) Volksbewaffnung mit freien Wahlen der Officiere.

2) Unbedingte Preßfreiheit.

3) Schwurgerichte nach dem Vorbilde Englands.

4) Sofortige Herſtellung eines deutſchen Parlaments.

Dieſe vier Forderungen ſind ſo dringend, daß mit deren Erfüllung nicht länger gezögert werden kann und darf.

Vertreter des Volks! Wir verlangen von euch, daß ihr dieſe Forderungen zu ungeſäumter Erfüllung bringet. Wir ſtehen für dieſelben mit Gut und Blut ein, und mit uns, davon ſind wir durchdrungen, das ganze deutſche Volk.

Es war das der richtige energiſche Ausdruck für die damalige öffentliche Stimmung. Und in ſolchen Momenten darf man keine langen Redensarten und Leitartikel, müßige ſtaatsrechtliche De⸗