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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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amtliche Stellung zu nehmen, die euch Tollköpfen fremd ſind. Sucht euch für die mir zugedachte Charge einen Andern! Später wird's vielleicht ſchöner. Alſo abgefahren in optima forma! Wohin nun weiter? Ich ſchlug den Hofgerichtsadvokaten Banlg vor, einen ſogenanntenDemagogen, aus den 30er Jahren, der damals gleichzeitig mit Pfarrer Weidiggeſeſſen, freilich, wie mir A. Becker ſpäter ſagte, ſich mehrhineinrenommirt, als ernſtlich politiſch compromittirt hatte. Da kamen wir freilich noch ſchöner an. Nachdem ich das faunenhafte Lächeln meines Begleiters Alex. Büchner ſehe ich heute noch in pathetiſchem Tone Namens des damals ſouveränen, immatrikulirten, wie nichtimmatrikulirten Volkes meine erforderliche Anſprache gehalten, fing der verlegene Patriot Banſa ſich zu räuſpern an.Ja, ihr lieben jungen Freunde, ſo ohngefähr ſprach er,ich freue mich mit euch, daß endlich die Tage kommen, wo das Ziel des Strebens meiner Jugend ſeiner Erreichung entgegengeht. Wie viel lange Jahre habe ich das theure ſchwarzrothgoldne Burſchenband auf dem blanken Leibe unter dem Hemde getragen!(Möglicher Weiſe trug er's noch, vielleicht unter der Haut. Wir verlangten natürlich keine Beſich⸗ tigung.)Aber, aber ich habe vor etwa einem halben Jahre einen Blutſturz gehabt, und in Folge davon hat mir mein Haus⸗ arzt, um einer etwaigen Wiederholung vorzubeugen, ſtrengſtens jede Aufregung unterſagt. Wenn ich jedoch da unter euch ſtehe und höre unter dem Drang der neueſten Ereigniſſe die Ideale meiner Studentenzeit von euch fordern und verhandeln, dann gerathe ich inAufregung, und ich bin es doch meiner Familie ſchuldig, die Geſundheit möglichſt zu ſchonen! Alex. B. ſchnitt eine mephiſto⸗ pheliſche Fratze und mir hielt es unendlich ſchwer, das laute Lachen zu unterdrücken.O, lieber Herr Advokat, ich bitte Sie um Gottes⸗ willen! rief ich abwehrend.Gott bewahre uns davor, daß wir Sie einer ſolchen Lebensgefahr ausſetzen ſollten! Ihrer Sympathie waren wir ja im Voraus gewiß und erſuchen Sie nur, dieſe unſre Beläſtigung zu entſchuldigen. Wir wünſchen gute Beſſerung. (Einige Wochen darauf wurde dieſer ſchwarzrothgoldne Exdemagoge von anno 30 kleiner Miniſterpräſident des Liliputanerſtaats Heſſen⸗ Homburg mit guter Beſoldung!) Nach dieſen ſo unerwartet ge⸗ ſcheiterten Verſuchen riß mir die Geduld.Hole der Teufel alle Profeſſoren und Advokaten! rief ich ergrimmt.Da es denn Keiner von uns Studenten ſein darf, ſo nehmen wir einen anſtän⸗ digen Philiſter! Der war bald gefunden in Geſtalt eines in

Gießen mit Recht ſehr populären BierwirthsMaither der ebenfalls in den 30er Jahren pro patria comßfömiktirt war und

auch nicht das geringſte Bedenken trug, das ihm angetragene Man⸗ dat zu übernehmen. Ueber dieſe unſre drollige Präſidentenjagd