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einbrechenden Reaction und Verfolgung war, ſo denke ich doch heute noch mit wahrem Entzücken an jenen revolutionären Rauſch der Märztage von 1848, wo uns Alles möglich, ja nicht unwahr⸗ ſcheinlich war. Die beiden Brüder Büchner, Louis und Alexander, (Letzterer jetzt Profeſſor der deutſchen Literatur in Caen) ſowie einige andre demokratiſche akademiſche Geſinnungsgenoſſen, die ſich bald darauf zu einem„republikaniſchen Club“ zuſammenthaten, und ich hielten Kriegsrath. Etwas mußte unzweifelhaft geſchehen, um der, namentlich in unſern Kreiſen, aufs Höchſte aufgeregten öfſentlichen Meinung irgend einen Ausdruck zu verſchaffen. Eine Volksverſammlung von Studenten und Bürgern im Buſch'ſchen Garten! hieß es. Ganz recht, bemerkte ich, aber wir müſſen doch einen reſpectablen älteren Mann, der nicht unmittelbar zu uns ge⸗ hört, als Prä identen haben. Sonſt glauben die Philiſter, es ſei eine reine Stu⸗ enkengeſchichte, und kommen gar nicht hin. Die Gießener Bürgerſchaft muß unter allen Umſtänden dabei ver⸗ treten ſein. Andernfalls fällt die ganze Demonſtration ins Waſſer!“ Man gab mir ſofort Recht. Da aber die Pariſer Revolution noch nicht ganz fertig und daher das Präſidium einer ſolchen Volksver⸗ ſammlung immerhin mit einem gewiſſen Riſiko verbunden war, ſo konnten wir am Ende mit der Diogeneslaterne auf die Suche gehen. Alerx. Büchner und ich übernahmen die Miſſion, unter⸗ wegs ſchon Alles per„Bürger!“ und„Bürgerin!“ republikaniſch grüßend. Unſer erſter Gang war zu Carl Vogt, damals ſeit Kurzem erſt außerordentlichem Profeſſor der Naturwiſſenſchaft, einem Gießener Kinde und anerkanntem Republikaner. Da kamen wir aber ſchön an.„Ihr lieben Leutchen,“ antwortete er uns mit ſeinem bekannten, etwas frivolen Sceptizismus:„Das iſt Alles recht gut und ſchön und ich bin ganz mit euch einverſtanden, daß wir die Gelegenheit benutzen müſſen, ſo oder ſo. Aber wer gibt euch denn die Garantie, daß die Sache in Paris auch dauernden Beſtand hat? Vielleicht bekommen wir morgen oder übermorgen eine Depeſche, daß die ganze proviſoriſche Regierung zuſammenge⸗ rumpelt und nach einem üblichen militäriſchen Maſſacre Louis Phi⸗ lippe ſammt ſeiner ganzen Sippſchaft und dem bekannten Regen⸗ ſchirm wieder eingeſetzt iſt. Ich bin herzlich froh, daß ich trotz aller euch wohlbekannten Chikanen endlich einmal, wenn auch nur als Exrtraordinarius, in meiner Vaterſtadt auf den Katheder gekommen bin. Und dieſe mühſam errungene Stellung ſollte ich in dieſen zweifelhaften Tagen, wo ſich der politiſche Wind jeden Augenblick drehen kann, ins Blaue hinein riskiren? Ihr ſeid junge Studenten, denen es auf eine Handvoll nicht ankommt. Stürmt meinetwegen den Himmel und proklamirt die deutſche Republik— von heute auf morgen! Ich bin Profeſſor und habe Rückſichten auf meine


