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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Depeſchen dem verſammelten Publikum von allen Straßenecken ab, bis ich zuletzt ganz heiſer war.A bas les Bourbons! Vivé la république! war unſre Parole, und wir ſahen in unſerm leicht entzündeten burſchikoſen Enthuſiasmus eine ſchwarzrothgoldne deutſche Republik, wofür ich den altenVater Itzſtein als Prä⸗ ſidenten in petto hatte, im nächſten Anzuge. Das Geringſte, wo⸗ mit wir Brauſcköpfe uns begnügen wollten, war, nach Auguſt Beckers Vorſchlag, die Proklamirung einesKönigreichs beider Heſſen, d. h. Verſchmelzung Kurheſſens mit Heſſen⸗Darmſtadt unter unſerm damals ſehr populären Erbgroßherzog Ludwig III. mit Verjagung des verhaßten Caſſeler Kurprinz⸗Mitregenten, nach der Melodie des Freiligrath'ſchen Liedes an die aufſtändiſchen Hanauer:

Kurfürſt, Kurfürſt, ſpute Dich! Sonſt werden wir großherzoglich!. Pulver iſt ſchwarz, Blut iſt roth, Golden flackert die Flamme!

O du ſchöne unvergeßliche Zeit der aufrichtigſten hoffnungs⸗ vollſten patriotiſchen Begeiſterung! Ich habe ſie in meiner gedruckt vor mir liegenden ſpäteren Vertheidigungsrede vor den Darmſtädter Aſſiſen u. A. mit den Worten geſchildert:Damals, m. H., waren die glorreichen Pfingſttage der auferſtandenen Volksfreiheit, wo die Feuerzungen der nationalen Begeiſterung auf allen Häuptern ſchweb⸗ ten und die Herren Fürſten und Miniſterin fremden Zungen redeten, wo wir Jünglinge Geſichte ſahen und die Jungfrauen Träume hatten. Heute aber, ſo fuhr ich von der Angeklagten⸗ bank im September 1850 fort,ſind die Tage des Märtyrerthums, wo die Apoſtel des neuen Evangeliums von den fürſtlichen Macht⸗ habern als Gottesläſterer und Rebellen verfolgt, gemartert und ge⸗ ſteinigt werden. Damals zog der Meſſias der Volksſouveränetät im Triumphe durch die Straßen und Alles jubelteHoſiannah! Heute zieht er zwiſchen Schächern und die Dornenkrone auf dem Haupte nach dem Golgatha des Richtplatzes und des Zuchthauſes, und Alles ruft:Kreuzige ihn! Kreuzige ihn! Es war aber doch eine ſchöne Zeit, m. H., jene Zeit der ſchwarzrothgoldnen Fahnen, der Volksverſammlungen und Adreſſen, der feierlichen Schwüre und begeiſterten Hoffnungen, und die Erinnerung daran wird, trotz aller Schmach und allem Druck der Gegenwart, nicht ſo bald aus unſren Herzen ſchwinden. Es waren die politiſchen Saturnalien des deutſchen Volkes, wo die Sclaven ihrer Ketten entledigt und von ihren Herren bedient wurden, wo das Wort endlich frei war und die traurige Vergangenheit vergeſſen ward in den Traum einer trügeriſchen Gegenwart.

Ja, ſo war es, und ſo bitter der ſpätere Katzenjammer der

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