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Verhältniſſen lauten mochten,— ich war ein junger Student, der noch nicht einmal das Fakultätsexamen gemacht hatte ſo waren ſie mir damals doch heiliger Ernſt. Ich glaube, ich hätte mich hängen laſſen für die Wahrheit und Gerechtigkeit meiner Sache, ohne auch nur die Silbe eines pater peccavi! zu ſagen. O duf unbeſonnene und unpraktiſche, aber doch redlich überzeugungs⸗ volle und darum innerlich glückliche akademiſche Jugend! Der Schluß meines offenen Briefes an den damals allmächtigen Miniſterialrath v. B., der eine gewiſſe Vorahnung der heran⸗ nahenden Pariſer Februar⸗Revolution verrieth, lautete wörtlich: „Die Wahrheit iſt von jeher, nicht bloß in Heſſen⸗Darmſtadt, miß⸗ liebig geweſen. Sie läßt ſich weder durch eine regierungscom⸗ miſſariſche Phraſe entkräften, noch durch Criminalunterſuchungen gegen ihre Sprecher, noch durch polizeiliche Verbote gegen ihre Organe, noch durch poſtamtliche Brieferbrechungen gegen ihre Ver⸗ ſendung. Sie beſitzen allerdings die Macht, ſie zu confisctren, wenn ſie bei H. Hoff in Mannheim ſchwarz auf weiß gedruckt wird. Aber ſie wird trotzdem eingeſchmuggelt durch die Douanenlinien Ihrer Polizeidiener und Gensd'armen, und unantaſtbar bleibt Ihnen immer noch die ungedruckte Wahrheit der Gedanken. Jeder geſin⸗ nungsvolle heſſiſche Patriot iſt nunmehr ein mündlicher„Zuſchauer“, den Ihre Cenſur nicht aus der Wirklichkeit hinaus ſtreichen kann. Die öffentliche Meinung, jenes gefürchtete Schreckgeſpenſt Ihres verantwortlichen Miniſter⸗Gewiſſens, das Sie vergeblich durch den Exorcismus Ihrer ſtändiſchen Entgegnungen und die Tiraden ge⸗ mietheter Broſchürenſchreiber zu verſcheuchen ſuchen, ſie dringt durch die Spalten Ihres verſchloſſenen Cabinets und ſchaut anklagend über Ihre Schultern in die geheimen Acten der Staatsverwaltung. Sie ſpricht aus dem Munde ihrer parlamentariſchen Repräſen⸗ tanten und wird bald auf dem Richterſtuhl der Tribüne über Sie und Ihre Herren Collegen zu Gerichte ſitzen. An ihr Urtheil appelliren wir. Als letzte Warnung aber rufe ich Ihnen noch jenes prophetiſche Wort L. Börne's ins Gedächtniß, deſſen Wahrheit Sie über kurz oder lang erfahren werden:
„Man widerſetzt ſich vergebens dem ſtarken Willen der Zeit. Die öffentliche Stimmung bildet eine Volksbewaffnung, die unbeſiegbar iſt, und welcher das ſtehende Heer der Regierungsgedanken früher oder ſpäter unterliegen muß.“
Dieſe prophetiſche Warnung ſollte nur zu raſch in Erfüllung gehen. Die erſten telegraphiſchen Nachrichten von der Februar⸗ Revolution in Paris, dem Sturze Louis Philippes, der Bildung der republikaniſchen proviſoriſchen Regierung elektriſirten Alles, namentlich ſelbſtredend uns paar radikale Studenten. Ich las die
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