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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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In der Luft herrſchte eine ſchwüle politiſche Temperatur. In der zweiten Kammer brachte Gagern bei Erörterung der Frage des Urlaubs für den als Abgeordneten gewählten penſionirten Miniſte⸗ rialrath Jaup die Angriffe desDeutſchen Zuſchauers und andrer oppoſitioneller Blätter der Nachbarſchaft gegen das Inſtitut der Kreisräthe zur Sprache. Darauf erklärte Miniſterialrath v. Bi, übrigens, wie ich er iſt todt zu ſeiner Ehre bemerke, ein durchaus makelloſer Privatcharakter, wenn auch ein Büreaukratiſſi⸗ mus erſten Rangs, wo möglich, mit drei Goldborden übereinander: Nicht durch das Verfahren der Staatsregierung ſei das Vertrauen der Staatsangehörigen geſtört, ſondern durch gewiſſe öffent⸗ liche Blätter, welche ſyſtematiſch darauf ausgingen, Lügen und Verläumdungen auszuſtreuen, werde ſeit 6 Monaten auf eine infame und perfide Weiſe jeder Fehler eines Staatsdieners ausgebeutet, um das Vertrauen gegen die Staatsregierung zu untergraben. Auf dieſe höchſt unparlamen⸗ tariſche Invective von der Miniſterbank, welche ſelbſtredend zunächſt die am Meiſten mißliebigen Artikel des nachgerade maſſenhaft ver⸗ breitetenDeutſchen Zuſchauers im Auge hatte, antwortete der Abgeordnete Zitz(Mainz) ſehr gemeſſen:Durch die Preſſe ſei keineswegs der heſſiſche Beamtenſtand im Ganzen angegriffen worden. Diejenigen Fälle aber, wie ſie in den letzten 6 Monaten durch die Preſſe beſprochen worden ſeien, hätten die öffentliche Meinung für ſich. Wo Rauch ſei, da ſei auch Feuerl Sie(das Miniſterium) hätten in der Preſſe ſelbſt das Gegenmittel ſinden können; die Regierung aber könne Nichts hören und habe Scheu vor der Oeffentlichkeit.

Daß ich ſelbſt, der ich für alle von mir herrührenden An⸗ griffe der Oppoſitionspreſſe unter Nennung meines ehrlichen Namens öffentlich die volle Verantwortlichkeit übernommen, den miniſterial⸗ räthlichen Tuſchinfam und perfid nicht auf mir ſitzen laſſen konnte, verſtand ſich von ſelbſt. Ich zunächſt war der Gemeinte, das wußte jeder Zeitungsleſer im Lande, und ich hatte ganz und gar das Zeug nicht dazu, ſtillezuſchweigen, auch wenn der Inſult von der Miniſterbank aus erfolgte. So ließ ich denn als Extra⸗ Beilage zumDeutſchen Zuſchauer einen geharniſchtenoffenen Brief an den Großh. heſſ. Miniſterialrath v. B. erſcheinen, worin ich den Hauptinhalt meiner bisherigen Anklagen gegen die heſſiſche Büreaukratie wiederholte und mich unter abermaliger Namens⸗ nennung zum vollen Beweiſe mit der Erklärung, falls derſelbe etwa nicht gelinge, erbot:Dann confisciren Sie mein Vermögen, ſtecken Sie mich in die Feſtung oder ver⸗ weiſen Sie mich des Landes! So keck dieſe Worte, über deren vollen Abdruck ich heute noch ſtaune, unter meinen beſondren