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werden von meiner Seite unverweilt und in Uebereinſtimmung mit der Bürgerſchaft von L. zur Erlangung vollſtändiger Satis⸗ faction die geeigneten Schritte gethan werden.“ In der vor mir liegenden Beſchwerdeſchrift der Notablen von L. an das Pro⸗ vinzial⸗Commiſſariat zu Gießen, die geſetzliche nächſte Inſtanz, vom 29. December 1847, heißt es u. A.:„Die unterzeichneten Bürger der Stadt L. ſehen ſich um ſo mehr veranlaßt, ſich über das Ver⸗ fahren des Landraths F. bei hoher Behörde beſchwerend zu äußern, als gerade aus dem, Herrn Studioſus F. angegebenen Grunde, daß er ihn gegen zu befürchtende Exceſſe der hieſigen Bürgerſchaft nicht ſchützen könne, ſich folgern läßt, es herrſche ein ungeſetzlicher und unruhiger Geiſt in unſrer Stadt, deſſen Nichtvorhandenſein hinlänglich bekannt iſt und ſogar bei früheren Vorfällen, wo ähn⸗ liche Beſchuldigungen erhoben waren, gerichtlich conſtatirt wurde. Die unterzeichneten Bürger hieſiger Stadt fühlen ſich daher ge⸗ drungen, auf ſtrengſte Unterſuchung des Vorfalls mit Studioſus F. anzutragen, da es hoher Behörde gewiß einleuchtet, daß ſie ſich in ihren theuerſten Rechten verletzt fühlen müſſen, wenn der Gr. Landrath F. in ihrer Stadt die Berechtigung anſpricht und aus⸗ übt, Angehörige des Großherzogthums, die hierherkommen, ja ſo⸗ gar, wie diesmal, die uns beſuchenden Verwandten, Freunde und Bekannten ohne Weiteres durch die Gensd'armerie abführen zu laſſen.“ ꝛe(Folgen die Unterſchriften.)
Dieſer in ſeiner Art bis dahin unerhörte Act kreisräthlicher Polizeiwillkür, bezüglich deſſen der betreffende kleine„Paſcha“ vor der offen geplanten Ausführung den Warnungen ſeiner Bekannten gegenüber ganz nonchalant geäußert hatte:„Ah was! Wenn ich auch einen Wiſcher kriege, was liegt mir daran!!“ machte damals im ganzen Lande und auch außerhalb deſſelben unbeſchreibliches Aufſehen. Ich ſchickte das ſämmtliche Material an Heinrich v. Gagern, der bei Gelegenheit eines angemeldeteu Antrags auf Abänderung des Inſtituts der Kreisräthe die Sache in Geſtalt einer beſondern Interpellation zur Sprache bringen wollte. Aber da kam die Pa⸗ riſer Februar⸗ und deutſche März⸗Revolution dazwiſchen, und in jenen ſtürmiſchen Tagen, wo alle Miniſterbänke wackelten oder um⸗ ſtürzten und ſogar die Majeſtäten zum Sprung in ihre gepackten Reiſewagen bereit ſtanden,— wer konnte da noch an die vor⸗ märzliche Polizeiplackerei eines obſcuren kleinen oberheſſiſchen Land⸗ raths zurückdenken? Ich bezahlte eben ruhig meine Schub⸗Trans⸗ port⸗Koſten und dachte achſelzuckend:„Legt es zu dem Uebrigen!“
Daß meine journaliſtiſche Polemik gegen Land⸗ und Kreis⸗ räthe, ſowie das mitverantwortliche Miniſterium ſelbſt ſich ſehr verſchärfen mußte, liegt auf flacher Hand. Zudem warf die nahe bevorſtehende Pariſer Februar⸗Revolution ihre Schatten voraus.
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