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im März 1848 heſſiſcher Miniſterpräſident wurde, ſo begrüßte ich! ihn Anfangs in unſerm neugegründeten radikaldemokratiſchen Gießener Blatte mit Enthuſiasmus als den Mann des wohlverdienten öffent⸗ lichen Vertrauens. Aber es dauerte kaum 4 Wochen, ſo war ich mit ihm in heftigſter Oppoſition und er würde mich ſicherlich auch nicht zum Examen zugelaſſen haben.„So geht's!“
Von da fuhr ich nach Mannheim, wo mich die dortigen, damals von Itzſtein und Hecker geführten badiſchen Liberalen er⸗ warteten. Mein erſter Beſuch galt natürlich Guſtav Struve, den ich mit ſeiner etwas kokett aufgeputzten, hübſchen jungen Frau, der durch ihre Theilnahme an den Freiſchaarenzügen ſpäter ſo bekannt
gewordenen„Amalia“, bei dem ſelbſtredend ſtreng vegetarianiſchen Frühſtück traf. Ich mußte daran theilnehmen und lernte bei dieſer Gelegenheit auch unſern höchſt liebenswürdigen und gebildeten Ver⸗ leger, den noch jungen und ſehr unternehmenden Verlagsbuchhändler Heinrich Hoff, kennen, der leider! nach dem Scheitern der badiſchen Revolution von 1849 unter ſehr kümmerlichen Umſtänden in einem Newyorker Spitale geſtorben iſt. Damals, wo wir alle mit fröh⸗ lichen Hoffnungen für die freiheitliche Entwicklung des Vaterlandes in die Zukunft blickten, hätten wir uns die einſtige Geſtaltung der Dinge nicht träumen laſſen. Namentlich Struve war ein ganz extremer Sanguiniker, dem der deutſche Himmel ſtets voll ſchwarz⸗ rothgoldner Baßgeigen hing und der jeden Zweifel an dem Ge⸗ lingen unſrer Beſtrebungen als eine Art Landesverrath betrachtete. Zu ſeinen vielen Schrullen gehörte auch die Phrenologie und war ſein Nebenzimmer mit lauter Gypsköpfen berühmter Männer oder berüchtigter Verbrecher angefüllt, aus deren Formationen er mit geradezu makhematiſcher Sicherheit ſeine Gall'ſchen Sätze demon⸗ ſtrirte. Auch meinen Schädel mußte er durchaus unterſuchen, ob⸗ gleich ich mich bei meiner damaligen theilweiſen Anerkennung der Phrenologie hartnäckig dagegen ſträubte. Das mir noch genau erinnerliche Reſultat ſeiner mit ernſteſter Miene von der Welt vor⸗ genommenen Betaſtung war:— daß der„Deſtructionstrieb“ und der„Mangel an Autoritätsſinn“(!) vorzugsweiſe bei mir ausge⸗ bildet ſeien. Das Letztere mag in vollem Sinne wahr ſein, aber das Erſtere kann denn doch nur bedingungsweiſe gelten. Am fol⸗ genden Tage mußte ich bei ihm ſpeiſen und da ich vor einem ſolchen, vorausſichtlich nicht beſonders lukulliſchen„vegetarianiſchen“ Mittagsmahl coloſſale Angſt hatte, ſo ſtärkte ich mich vorſorglich erſt durch ein tüchtiges Beefſteak im Pfälzer Hof, was ich ihm hinterdrein ſelbſt lachend erzählte. Wie ich aus einem Briefe nach Hauſe erſehe, gab es Suppe, Rothkraut, Kartoffeln, gelbe Rüben, Trauben ꝛc., alſo ein immerhin genießbares Menu, und hielt mir Struve zur Verdauung auch über das verderbliche Tabakrauchen
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