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und Kaffeetrinken die eindringlichſten, freilich erfolglos gebliebenen Moralpredigten.
Auch F. Hecker und„Jean Pierre“ Grohe, den damaligen Redacteur der radikalen Mannheimer Abendzeitung, mit der ich ſeit meinen Correſpondenzen über unſern Stauffenberger Studenten⸗ Auszug in Verbindung ſtand, beſuchte ich. Da gerade damals die Vorbereitungen für die neuen Landtagswahlen ſtattfanden, ſo herrſchte außerordentlich reges politiſches Leben in Mannheim. Ich wohnte zwei großen Verſammlungen der Liberalen im Gaſthof zum Weinberg bei, worin u. A. auch v. Soiron, Itzſtein, Eller und Grohe unter ſtürmiſchem Beifall zündende Reden hielten. Mein Name war durch die Struve'ſchen„Zuſchauer“⸗Artikel in den dor⸗ tigen liberalen Kreiſen raſch bekannt geworden, und überall fand ich herzliches Händeſchütteln und warmen Empfang.
Von da gings nach Heidelberg, wo ich meine gerade dort ſtudirenden Gießener Freunde im Vangerowe'ſchen Colleg auſſuchte und ſpäter ſelbſtredend mit ihnen kneipen ging. Zufolge der Em⸗ pfehlung Struve's lernte ich das radikaldemokratiſche Studenten⸗ Clübchen, darunter vorzugsweiſe den höchſt intelligenten und liebens⸗ würdigen, aber auch durchaus exaltirten jungen Schlöffel, mit dem ich ſpäter intim befreundet wurde, Lucas Wolf und, wenn ich nicht ſehr irre, auch Miquel, den jetzigen nationalliberalen Reichstags⸗ abgeordneten, näher kennen. Wir verabredeten die Gründung einer geheimen Preſſe in Heidelberg, von der antigouvernementale Flug⸗ ſchriften nach allen Richtungen ausgehen ſollten. Mir wurde Heſſen zugetheilt, Schlöffel übernahm Preußen, L. Wolf Baden u. ſ. w. Aber über die angefangenen Manuſcripte iſt es nicht hinausge⸗ kommen, da die damals unſrerſeits gänzlich unerwartete Pariſer Februar⸗Revolution dazwiſchentrat.
Ehe ich über Mannheim heimkehrte, machte ich noch dem da⸗ mals ſchon in ſtark revolutionärem Geruche ſtehenden Karl Blind in dem Gefängniſſe von Frankenthal einen Beſuch, wo er wegen Verbreitung„aufrühreriſcher“ Flugſchriften auf einer mit der da⸗ maligen Madame Cohn, ſeiner jetzigen Frau, gemeinſam unter⸗ nommenen Agitationsreiſe durch die Rheinpfalz ſammt ſeiner Ge⸗ fährtin inhaftirt worden war. Ich hatte ihm Grüße und allerlei vorſichtig verhüllte Mittheilungen von Struve und Schlöffel, ſeinem „lieben Knaben“, wie er ihn damals nannte, auszurichten. Der Ein⸗ druck unſerer im Beiſein des Gefangenwärters ſtattgehabten Zuſammen⸗ kunft iſt mir unvergeßlich geblieben. Blind war eine ſehr burſchikos gekleidete kurze gedrungene Figur mit ſonnverbranntem Geſicht, das einen ſehr energiſchen Ausdruck beſaß, und waren wir, nachdem ich ihm meinen Namen genannt, ſehr raſch mit einander bekannt. Unſere officiell nur auf eine Viertelſtunde beſchränkte Unterhaltung


