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„kleinen Agitator von Oberheſſen“ und bemerkte ſcherzhaft, ich habe meine Provinz unterwühlt, wie ein wahrer Maulwurf. Ich ſchickte dem rheinheſſiſchen Comité meine mit größter Scrupuloſität ge⸗ führte Abrechnung über die Verwendung des mir anvertrauten Fonds und erbat mir deſſen Weiſung, wohin ich den verbliebenen Reſt von etwa 80 Gulden ſenden ſolle. Darauf erhielt ich die lakoniſche Antwort: ich habe von dem Gelde einen ſo guten Gebrauch ge⸗ macht, daß ich meine„Erübrigung“ nur ganz getroſt dazu ver⸗ wenden möge, mir eine Erholungsreiſe zu den Freunden in Rhein⸗ heſſen und Baden zu gönnen, die mich gerne perſönlich kennen lernen wollten. Das geſchah ſofort und dieſe fröhliche Luftſchnapperei nach der ſtrapazirenden Wahl⸗Campagne hat mir das höchſte, heute noch unvergeßliche Vergnügen bereitet. In Worms wollten mir die Turner ein Bankett geben, dem ich aber aus Rückſichten meiner damaligen, auch jetzt noch zeitweiſe wiederkehrenden krankhaften Scheu vor öffentlichem„Reden reden“ gefliſſentlich auswich. Nach kurzem Aufenthalte bei Dr. von Löhr pilgerte ich in Begleitung meines Pfeddersheimer Univerſitätsfreundes H. P. nach meinem politiſchen Mekka Monsheim, dem Landſitze des damaligen Führers der heſſiſchen Oppoſition, Heinrich von Gagern. Bei ihm, der mich herzlichſt aufnahm, traf ich zufällig faſt ſeine ganze Familie, ſeinen greiſen Vater, den auch als politiſchen Schriftſteller bekannten geiſt⸗ vollen, aber etwas geſchwätzigen weiland Bundestagsgeſandten, den in ſeiner Art genialen, damals noch holländiſchen General Friedrich, der ſpäter im Gefechte mit der Hecker'ſchen Freiſchaar bei Kandern fiel— für mich den Liebenswürdigſten von Allen—, ſowie den ſpäter katholiſch gewordenen, wenn ich nicht ſehr irre, in öſtreichiſche Dienſte übergetretenen Max. Als ich nach höchſt gemüthlichem ge⸗ meinſamem Frühſtück, von dem mir namentlich die ſprudelnden Witze Friedrichs heute noch im Gedächtniß ſind, von der Familie ſchied, klopfte mir H. v. Gagern auf die Schulter mit den jovialen Worten:„Nun, F., Sie haben ſoweit Ihre Sache gut gemacht. Jetzt aber hängen Sie vorerſt die Politik an den Nagel und „ochſen“ tüchtig, damit Sie das Examen hinter ſich kriegen! Ich glaube, die Herren werden Ihnen Schwierigkeiten genug machen!“ „Ah!“ erwiederte ich lachend— und das klang für die damaligen Verhältniſſe, wo noch Niemand an die baldige Pariſer Februar⸗ Revolution und deren Folgen für Deutſchland dachte, allerdings wie ein ſchlechter Witz—„Sie werden ja demnächſt Präſident des heſſiſchen Miniſteriums und da wird mir doch in meiner Carrière kin officieller Riegel vorgeſchoben werden.“„Nein,“ lachte Gagern und' jein Bruder Friedrich mit,„wenn wir einmal ſo weit ſind, ſoller Sie Nichts mehr zu fürchten haben!“ Damit trennten wir uns— für immer. Als Heinrich Gagern(damals ohne„von“)


