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wodurch unſre Stadt ſich ſo blamirt hat.“ Und ſo geſchah es auch, Dank nicht nur meiner und meiner Commilitonen angeſtrengter Agitation, ſondern auch dem erwachten politiſchen Rechts⸗ und Selbſtſtändigkeitsgefühl meiner, etwas ſchwer in Trab zu bringenden, dann aber auch zäh energiſchen wackren Oberheſſen. Von beſondrem Erfolge war eine von mir geſchriebene, in mehreren tauſend Exem⸗ plaren durch die ganze Provinz verbreitete Ertra⸗Beilage des Struve'ſchen Zuſchauers:„Die Wahlbewegungen in Oberheſſen. Eine Reihe von Skizzen als Maniſeſt an die dortigen Wähler.“ Ich gab darin eine ſehr ſcharf gepfefferte Charatteriſtik der in allen einzelnen Bezirken aufgeſtellten miniſteriellen und liberalen Candi⸗ daturen und citire hier nur als beſonders bezeichnend den Schluß. „Euch, ihr Oberheſſen, die ihr ſo gerne daheim in bittre Klagen ausbrecht, draußen aber, wenn es gilt, das Maul haltet und die Hände in den Schoß legt, euch können wir ſchließlich keinen andern Rath mit auf's Wahlzimmer geben, als die klaſſiſche Sentenz des Dichters:„Werdet beſſer, ſo wird's beſſer!“ Bedenkt, daß ihr von nun an nicht mehr das Necht habt, die bodenloſe Demoraliſation eurer Zuſtände, die unerträgliche Tyrannei unſrer büreaukratiſchen Kaſte, die ſteigenden Steuern und das ſteigende Proletariat, das Sinken eures Wohlſtandes, des Handels und der Gewerbe, die polizeiliche Bevormundung eures innerſten Gemeinde⸗ lebens oder gar den unter aller Kritik erbärmlichen Zuſtand eurer ſeit Jahren geknebelten Preſſe und alle die andern ſtereotypen Texte für eure Sonn⸗ und Werktagsklagepredigten immer wieder von Neuem durchzujammern! Alles Dies iſt hauptſächlich die Schuld eurer eignen Indifferenz und unverbeſſer⸗ lichen Bedienten⸗Natur. Ich weiß zwar, ihr ſeid tiefſinnige Wirthshaus-Politiker, und wenn ihr ſo Abends in euren Spinn⸗ ſtuben zuſammenhockt und eine Pfeife Tabak mit einander raucht, dann wißt ihr Alle, was euch und dem Lande Noth thut, ſo gut oder noch viel beſſer, als der Herr Miniſter, und es iſt eure löb⸗ liche Spießbürger⸗Gewohnheit, überall und jedesmal händeringend und ächzend, gleich alten Weibern, über„ſchlechte Zeiten“ zu wimmern. Aber wahrlich, die Quelle derſelben habt ihr nirgendswo anders zu ſuchen, als in dem trüben Sumpfe eurer Lethargie und Geſinnungsloſigkeit.—— Ihr habt zwar eine freiſinnige Verfaſſung und in ihr das Mittel, um auf geſetzlichem Wege Abhülfe für eure Beſchwerden zu fordern. Aber ihr beſaßet ſeither nicht einnal den Muth und die Energie, den legitimen Paragraphen jenes Bogens Papier Geltung zu ver⸗ ſchaffen. Und während eure Kammer in früheren Jahren eine der erſten war auf der breitgetretenen Bahn des„conſtitutionellen Fortſchritts“ und die Blüthe der Intelligenz eures Landes in ihrer


