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meine nie verſagende Hülfe in der Noth war. Und der Nöthen hatte ich zu jener Zeit gar viele. Nachdem man mir einmal, wenn auch nur vorläufig und adminiſtrativ, die Kanzel verſperrt, was war da freilich zu machen? Die chriſtlich gläubige Mama, der meine Feuerbacherei ein haarſträubender Gräuel war, mußte eben wohl oder übel in den ſauren Apfel beißen. Daß es der alten Frau, die mich von je ſo gern auf der Kanzel geſehen hätte, — ein Paſtor galt ja damals als ein Seliger bei lebendigem Leibe!— große Ueberwindung koſtete, iſt wohl begreiflich. Hatte ich ihr ja doch erſt am vorletzten Geburtstage(gegen den üblichen ſtets gerne geſpendeten Kronthaler) u. A. die Verſe gedichtet:
„Ich ſchlage donnernd auf das Brett Im ſchwarzen Prieſterrocke,
Es ſitzt von Sammt ein ſchmuck Barett Mir auf der gelben Locke.
Laßt uns vertrau'n dem guten Stern, Bei Gott auch ſuppliciren,
Damit nicht noch die Gieß'ner Herr'n Zuletzt mich relegiren!
Sonſt hieß' es gar am Ende noch: „Consilium abeundi!“
Die Rechnung hätte dann ein Loch— „O vana gloria mundi!“
Ich habe der guten Frau viel ſchlafloſe Nächte bereitet. So lange ich als ſteckbrieflich verfolgter„Hochverräther und ſonſtiger Verbrecher“ verſtohlen daheim war,— es war zweimal, vor dem Ausbruch der badiſch-⸗pfälziſchen Revolution von 1849 und nach meiner Rückkehr aus dem Schweizer Eril— ſaß ſie beſtändig ſtrickend an dem Eckfenſter, von wo aus ſie die beiden angrenzenden Straßen genau bewachte. So oft ſie nur von Weitem einen Gensd'armen entdeckte, ertönte ihr ängſtlicher Ruf:„R., fort in die Mange!“(Es war das ein altes Hintergebäude, worin man ſich leicht unfindbar verſtecken konnte.) Und noch vor ihrem Tode, zu welcher Zeit ich als unfreiwilliger Kurzwaaren⸗Commis in Worms abweſend war,— ſo erzählte mir der Arzt— ſprach ſie in ihren letzten Phantaſieen beſtändig von mir, ihrem„Schmerzenskinde“, wie ſie mich nannte, und citirte ganze Verſe aus meinen an ſie gerichteten Geburtstags⸗, Weihnachts⸗ und Neujahrs⸗Gedichten. O du alte Frau, der ich leider! ſo viel Kummer gemacht, und du, tleue gute Schweſter Caroline, die ich, als ſie mich vor ihrem Tode noch einmal ſprechen wollte, trotz meines Ehrenwortes und acceptirter Gensd'armerie⸗Begleitung als damaliger Gießener Unter⸗


