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Regeln der Homiletik über einen meiner Lieblingsterte aus dem „Neuen Teſtament“:„Laſſet die Kindlein zu mir kommen, denn ihnen iſt das Himmelreich!“ eine, meines Erinnerns, in drei Theile zerlegte, ganz dem Herzen entſtrömte, übrigens ſtreng formgerechte Predigt. Ich habe das Manunſcript leider! verloren und gäbe viel darum, wenn ich es noch auftreiben könnte. Dieſe Predigt „in partibus“— ich glaube feſt, daß ich von unſerm betreffenden Examinator Profeſſor Dr. Heſſe die Note 1 dafür erhalten haben würde— las ich meiner lieben alten Mutter am folgenden Abend, als wir mit einander allein waren, mit entſprechendem Ausdruck, als ſtände ich im ſchwarzen Talar auf der Kanzel und ſie bilde meine gläubige Kirchengemeinde, vor. Und, welche Genugthuung für mich! Die gute Frau weinte dabei nicht nur Thränen aufrich⸗ tigſter Rührung und drückte mir mit den Worten die Hand:„Nun, ich ſehe, R., daß Du's kannſt“, ſondern ſie, die in Geldſachen à la Hanſemann oft höchſt Ungemüthliche, ſchenkte mir auch zu meiner Ueberraſchung als Honorar für meine homiletiſche Probe⸗ arbeit 2 Kronthaler, die natürlich in nicht ſehr„theologiſcher“ Weiſe erſter Tage verkneipt wurden. Je nun, ich kannte die Theo⸗ logie theoretiſch zur Genüge, um alle Luſt zu verlieren, ſie jemals praktiſch zu treiben. Als mich einſt ein Bekannter, tactlos genug, an öffentlichem Orte fragte, warum ich das Studium der Theologie eigentlich aufgegeben, antwortete ich ihm ganz lako⸗ niſch:„Freiwillig, weil ich nicht lügen kann, unfreiwillig, weil mir das Handwerk gelegt worden iſt!“ Dabei citirte ich den Heine'ſchen Vers: „Ich kenne wohl den alten Text und auch die Herren Verfaſſer; Ich weiß, ſie trinken heimlich Wein und predigen öffentlich Waſſer!“
„Und ich für mein Theil“, ſchloß ich,„trinke und predige lieber Bier.“—
Welchen ſchweren Kampf mit meiner Familie mich der ſchon längere Zeit beabſichtigte Uebertritt von dem Studium der Theo⸗ logie zu dem der Jurisprudenz gekoſtet, das ahnt gegenüber dem zähen Widerſtande meiner ſonſt wohlwollenden Mutter, die mich von Herzen gerne, aber immer den leidigen Geldpunkt im Auge hatte, ſicherlich Niemand. Ich habe wenigſtens 4—5 Briefe an ſie und meine beiden Schweſtern vor mir liegen, worin ich ihnen in einer jetzt für mich geradezu herzbrechenden Weiſe meine inneren Conflicte als Theologe und dagegen meine vorausſichtliche auch materielle Befriedigung als Juriſt(ich wollte Advokat werden) mit den lebhafteſten Farben ſchilderte. Die entſchiedenſte Für⸗ ſprecherin hatte ich damals in meiner leider! als junge Frau früh verſtorbenen Lieblingsſchweſter Caroline, die ſtets mein Rath und
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