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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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zwei Oheime von mir auf dem Rathhauſe vernommen, namentlich mit der weiteren Gewiſſensfrage, ob ſie ſich nicht erinnerten, daß ich auch ſonſtwieüber die Pfaffen geſchimpft und mich über das poſitive Chriſtenthum deſpectirlich geäußert habe.

Genug, ob es nun zu einer ordentlichen Unterſuchung kam oder nicht, meine theologiſche Carrière konnte ich aufgeben. Man hatte mir von dieſen ketzergerichtlichen Verhören erzählt. Da die Unterſuchung vorläuſig nur eine ſ. g. adminiſtrative war, ſo zuckte ich dazu lachend die Achſeln. Ich ſollte bald merken, daß die von mir in burſchikoſem Uebermuth als halberUlk betrachtete Sache ernſt gemeint war. Ein aus der Reſidenz ſtammender Vetter, jüngerer Student der Theologie, als ich, hielt kurz darauf, unter dem ſolennen Wallfahrzug ſeiner zahlreichen Verwandten meiner Vaterſtadt, in unſrer Stadtkirche eine höchſt ſalbungsvolle Sonn⸗ tagnachmittagspredigt, über deren oratoriſchen Effect hinterdrein ſämmtliche ortsanſäſſige Mitglieder der Familie W. gottſelig jubelnd in die Hände ſchlugen.Aber wie ſchön hat unſer Vetter Philipp gepredigt! hieß es allgemein. So gleichgültig mich ſelbſt dieſe Vettern⸗ und Baſen⸗Verzückung über eine ziemlich mittelmäßige Kanzelrede ließ, ſo war ſie doch meiner für mich gar ehrgeizigen Mutter ärgerlich.Aber, R., ſagte ſie mir des andern Tags, jetzt haſt Du doch zwei Semeſter mehr Theologie ſtudirt, als dieſer Ph. W., und hier auch noch nicht einmal eine Predigt gehalten. Du kannſt es noch weit beſſer, wie Der, wenn Du nur willſt, das weiß ich. Alſo thue mir den Gefallen und ſtopfe den Leuten das Maul! Wozu haſt Du mich denn ſchon das viele Geld gekoſtet? Sei ruhig, Alte! erwiederte ich ihr,ich will Dir eine Predigt halten, die ſich gewaſchen haben ſoll! Am folgenden Morgen ging ich zu dem Dekan K., um mir die erforderliche Erlaubniß von ihm zu erwirken. Der aber erklärte mir rundweg ſofort: Lieber R., ſo leid es mir thut, kann ich Dir vorerſt nicht ge⸗ ſtatten, in meinem Sprengel die Kanzel zu beſteigen. Es iſt mir die amtliche Mittheilung gemacht worden, daß eine Unterſuchung wegen Gottesläſterung gegen Dich eingeleitet ſei, und ſo lange Du von dieſem Verdachte nicht vollſtändig gereinigt biſt, kannſt Du doch unmöglich eine chriſtliche Predigt halten. Es iſt mir leid für Dich und mich, aber Du haſt mir viel zu tief in den Strauß und Feuerbach geguckt und läßt Dein böſes Maul viel zu weit ſpazieren. Beſſere Dich! Ich bedankte mich mit ge⸗ bührender Zerknirſchung für diegnädige Strafe. Meiner Mutter berichtete ich die Sache ſofort ganz unverholen.Siehſt Du, Alte, ſagte ich zu ihr,ich darf vorerſt nicht predigen aus rein politiſchen Gründen. Daß ich es aber kann, will ich Dir morgen Abend beweiſen. Am folgenden Morgen ſchrieb ich nach allen